Neueste Artikel

Vom Waffendekor zur Druckgrafik

Die Wiener Albertina zeigt die sehenswerte Schau „Die frühe Radierung“

Die Entwicklung druckgrafischer Techniken als künstlerische Errungenschaften (Holzschnitt, Kupferstich, Radierung) kennzeichnet das ausgehende Mittelalter. Während jedoch die Herstellung eines Kupferstichs oder eines Holzschnitts große technische Erfahrung und Meisterschaft erfordert, kann fast jeder das Radieren bewerkstelligen. Mit dieser neuen Technik befassten sich sowohl Druckgrafiker als auch Architekten und Künstler, darunter in der Renaissance solche vom Rang eines Albrecht Dürer, Parmigianino oder Pieter Bruegel. 

Christof Metzger, Kurator der Ausstellung „Die frühe Radierung – Von Dürer bis Bruegel“ in der Wiener Albertina, schilderte bei der Presseführung humorvoll, wie er sich als Zehnjähriger, in einem Schulbuch erstmals mit einer „Radierung“ von Rembrandt konfrontiert, gefragt habe, „wie er das wohl gemacht hat“. Doch der Radiergummi, mit dem alle Menschen in ihrer Schulzeit Erfahrung machen, ist nicht das Werkzeug jener Radierer, die eine im späten 15. Jahrhundert entwickelte künstlerische Technik beherrschen. Was dafür an Geräten gebraucht wird, wird in einer Vitrine im ersten Raum gezeigt und erklärt.

Der deutsche Begriff „radieren“ kommt vom lateinischen Wort „radere“, das „schaben“ oder „kratzen“ bedeutet. Es geht um ein Tiefdruckverfahren, bei dem die zu druckenden Linien mit einer Metallnadel in die Druckform beziehungsweise in eine darauf aufgetragene Wachsschicht eingegraben werden. Dabei wird die Säureanfälligkeit unedler Metalle genutzt, um auf chemischem Weg die gewünschten Konturen und Schraffuren zu produzieren. Die Radierung erlaubt ein spontanes Arbeiten und steht damit der Zeichnung näher als alle anderen Druckverfahren.

Die Ausstellung „Die frühe Radierung“ läuft bis 10. Mai 2020 und ist in Zusammenarbeit mit dem Metropolitan Museum New York zustande gekommen. Sie konzentriert sich auf die ersten hundert Jahre dieser Form der Druckgrafik. 80 Prozent der mehr als 100 Exponate befinden sich im Eigentum der Albertina, deren Generaldirektor Klaus Albrecht Schröder darauf hinweist, dass sein Haus 950.000 Druckgrafiken besitzt, darunter die bedeutendsten und seltensten der Kunstgeschichte.    

„Der Krieg ist der Vater aller Dinge“ lautet ein oft zitierter Satz des altgriechischen Philosophen Heraklit von Ephesos. Wie auch immer man diese Aussage bewertet oder interpretiert, die Radierung hat jedenfalls ihren Ursprung in den Werkstätten von Waffenätzern, die ihre Erzeugnisse mit Hilfe von Säuren dekorierten. Was auf den ersten Blick wie ein Fremdkörper in einer Ausstellung von Bildwerken wirkt, eine um 1555 in Augsburg hergestellte Sturmhaube (Eisen mit Ätzdekor, feuervergoldet), macht dies sichtbar. 

Im Spätmittelalter galt die Rüstungsmetropole Augsburg als Hochburg  der Eisenätzung. Der Augsburger Daniel Hopfer (1471-1536), der sich auf das Ätzen von Motiven auf Helme, Schwerter oder Pferdeharnische verstand, begann um 1495 als erster „Radierer“, von geätzten, also „radierten“ Metallplatten Abzüge auf Papier herzustellen. Seine Radierung „Tod und Teufel überraschen zwei Frauen“ (ca. 1510-1515), eine Leihgabe aus New York, nimmt die weibliche Eitelkeit aufs Korn.

Hopfer entwickelte höchste Meisterschaft darin, Linien- und Flächenätzung auf einer Platte zu kombinieren. Durch mehrfaches Ätzen vermochte er im Druckbild Abstufungen von Schwarz bis Mittelgrau zu erzielen. In einem weiteren Verfahren, bei dem Ätzgrund und Ätzwasser mit dem Pinsel aufgetragen wurden, gelang es ihm, einen im Abdruck an Aquatinta-Radierungen erinnernden flächigen Grauwert zu erzeugen. In Augsburg war zu Hopfers Zeit nur noch Hans Burgkmair der Ältere (1473-1531) als Radierer tätig, von dem das Blatt „Venus, Merkur und Amor“ gezeigt wird.

Die deutsche Radierung habe als eigene Kunstform die Frühzeit der Radierung beherrscht, meint Klaus Albrecht Schröder. Im kurzen Zeitraum von 1515 bis 1518 experimentierte auch der große Albrecht Dürer (1471-1528) mit der Eisenradierung, vor allem mit der Wirkung von Licht und Schatten. Zu den sechs von ihm in der Ausstellung präsentierten Werken zählen die „Landschaft mit Kanone“, die „Entführung auf dem Einhorn“ und das „Schweißtuch Jesu“.

Um 1520, als man in den Niederlanden bereits – erstmals durch Lucas von Leyden – mit Kupferplatten arbeitete, verwendeten die deutschen Radierer zunächst weiter Eisenplatten. Albrecht Altdorfer (um 1485-1538) setzte mit der Darstellung von Landschaften einen neuen Akzent. Die Albertina besitzt eine Reihe von – zum Teil kolorierten – Unikaten aus der Werkstatt dieses Meisters, zum Beispiel „Die kleine Fichte“. Er inspirierte vor allem die beiden Nürnberger Künstler Augustin Hirschvogel (1503-1553) und Hans Lautensack (um 1520-um 1565), die zunehmend das Eisen durch das flexiblere und einfacher zu bearbeitende Kupfer ersetzten. 

Wer wissen möchte, wie die deutsche Stadt Nürnberg in der Mitte des 16. Jahrhunderts ausgesehen hat, wird eine Weile vor zwei Werken von Hans Lautensack verweilen. Der Künstler, der sich in der Nähe seines Monogramms am unteren Bildrand selbst bei der Arbeit verewigte, schuf 1552 zwei Ansichten von Nürnberg, eine von Osten und eine von Westen, die von jeweils drei radierten Platten gedruckt wurden. Lautensack hielt auch ein Fußturnier im Hof der Wiener Hofburg großformatig fest.

Die weiteren Räume der Schau führen in die Niederlande, nach Italien und Frankreich.

Lucas von Leyden (um 1494-1533) und seiner Werkstatt werden rund 300 Druckgrafiken zugeschrieben, nur sechs davon sind Radierungen, alle im Jahr 1520 entstanden. Seine „Bettlerfamilie“ ist sichtlich vom erfolgreichsten Buch der frühen Neuzeit, Sebastian Brants „Narrenschiff“, inspiriert. Ein anderes Werk Lucas von Leydens, beeinflusst von einer zwei Jahre zuvor angefertigten Porträtzeichnung Albrecht Dürers, bildet den 1519 verstorbenen Kaiser Maximilian I. ab. Dabei kombinierte der Künstler die Radierung mit der Kupferstichtechnik: Das Gesicht ist präzise gestochen, dagegen sind der Rest der Person und der Bildhintergrund radiert.

Aus den Niederlanden sind weitere solche Kombinationen von Radierung und Kupferstich ausgestellt. Pieter Bruegel der Ältere (um 1526-1569) entwarf zwar mindestens 35 Bildvorlagen, nach denen professionelle Druckgrafiker Radierungen oder Kupferstiche produzierten, schuf aber nur eine einzige Radierung selbst. Seine „Hasenjagd“ von 1560 gilt als Illustration der Redensart, wonach der Jäger selbst der Gejagte ist. Denn dem dargestellten Jäger mit Hund, der mit seiner Armbrust auf ein paar kleine Hasen zielt, lauert hinter einem Baum ein Mann mit einem Speer auf. Bruegel kooperierte intensiv mit dem Antwerpener Verleger Hieronymus Cock (1518-1570), von dem die Druckgrafik „Ruinen auf dem Palatin“ (Radierung und Kupferstich, 1550) stammt. Für gewinnorientierte Verleger wie Cock erwies sich die Radierung als interessante Alternative zum Kupferstich, denn die Druckerplatte ließ sich in wesentlich weniger Zeit anfertigen und ermöglichte die Produktion von rund 1000 guten Abzügen.

Eine der frühesten Radierungen von Jan Cornelisz Vermeyen (um 1504-1559), „Muley Ahmed“, führt in die Historie des 16. Jahrhunderts. Muley Ahmed war der Sohn von Muley Hasan, jenem aus Tunis vertriebenen Berberkönig, für dessen Wiedereinsetzung sich die Spanier einsetzten, um so Kontrolle über die nordafrikanische Küste zu erlangen. Vermeyen nahm im Gefolge von Kaiser Karl V. 1535 an diesem Feldzug teil und hielt Muley Ahmed auch auf einem heute verlorenen Gemälde fest, das nur noch durch eine 1608 von Peter Paul Rubens angefertigte Kopie überliefert ist.

Der erste italienische Künstler, der die Möglichkeiten der Radierung voll ausschöpfte, war Francesco Parmigianino (1503-1540). Man weiß nicht, wo er diese Technik erlernte, findet aber bei ihm große Experimentierfreude auf diesem Gebiet. Er probierte die Wirkung von farbiger Druckertinte und Plattentönen aus, bearbeitete die geätzten Kupferplatten mit Stichel oder Kaltnadel und kombinierte erstmals Radierung und Holzschnitt. Zwischen 1527 und 1530 hielt er sich in Bologna auf und fertigte dort Altartafeln, Porträts, Entwürfe für Hell-Dunkel-Holzschnitte und 18 Radierungen an. Zu Parmigianinos besten und ehrgeizigsten Radierungen zählen seine beiden unterschiedlichen Blätter zum Thema „Die Grablegung Christi“, die zweite Version entstand vermutlich aufgrund der Zerstörung der Druckplatte von der ersten Arbeit.

Auf nachfolgende Künstler, vor allem in Venedig und Verona, hatte er erheblichen Einfluss. Einer davon war Angelo Falconetto (um 1507-1567), dessen Werk „Meergötter“, inspiriert von römischen Meerwesen-Sarkophagen, ein in der Renaissance sehr beliebtes Thema aufgriff.

In Frankreich kam die Radierung erst um 1540 auf, besonders gepflegt vom Zeichner und Architekten Jacques Androuet du Cerceau (um 1511-1585). Er setzte sich intensiv mit den römischen Bauwerken des Altertums auseinander, ein markantes Beispiel ist seine Radierung „Das Kolosseum“. Im letzten Raum der Ausstellung springt noch besonders die um 1545 entstandene  „Menschenpyramide“ ins Auge. Der französische Bildhauer und Radierer Juste de Juste (um 1505-um 1559) hat zu diesem Thema eine bemerkenswerte Serie von zwölf Blättern geschaffen. 

Der letzte Abschwung

In memoriam Hannes Schopf (1947-2020). Ein Vorabdruck aus der Zeitschrift „Quart“.

Vor 30 Jahren belehrte ein österreichischer Bischof einen Journalisten: In den Texten des Zweiten Vatikanischen Konzils, auf das sich kritische Katholiken gerne beriefen, stehe, dem Bischof gebühren „Ehrfurcht und Gehorsam“. Auf die Ehrfurcht, erklärte er jovial, lege er keinen Wert, wohl aber auf den Gehorsam. Der Journalist erwiderte: „Wenn es so in den Texten steht, Herr Bischof, müssen Sie auch auf die Ehrfurcht Wert legen!“ Seiner Exzellenz entfuhren überrascht die Worte: „Also Humor haben Sie!“

Der Bischof hieß Kurt Krenn, der Journalist Hannes Schopf, damals Chefredakteur der katholischen Wochenzeitung „Die Furche“. Am Karfreitag, dem 10. April 2020, ist Schopf im Alter von 72 Jahren einer Covid-19-Erkrankung erlegen. Sein Tod trifft vor allem seine Familie, die auf der Parte von einem „lieben Gatten, fürsorglichen Vater, humorvollen Schwiegervater, liebevollen Opa“ Abschied nimmt. Mit ihm trat aber auch ein Publizist ab, den hohe Kompetenz, gelebte Solidarität, Humor, Courage, Einfallsreichtum und großer Einsatz für Werte und Ethos auszeichneten. 

Hannes Schopf kam am 7. Oktober 1947 zur Welt, neun Jahre nach jener Rosenkranzfeier im Wiener Stephansdom, die als einzigartiger Protest gegen das NS-Regime in die Geschichte eingegangen ist. Die Bedeutung dieses Tages war ihm bewusst und entsprach seiner eigenen geradlinigen christdemokratischen Haltung. Der unvergessliche Hubert Feichtlbauer holte Schopf 1979 vom ÖVP-Pressedienst zur „Furche“, wo er die Innenpolitik und 1984 die Chefredaktion übernahm.

Man konnte von Hannes Schopf fachlich und menschlich viel lernen. Er kreierte originelle Begriffe (etwa „Krokuwaz“ für die Mediaprint), er deckte auf, dass hinter dem Pseudonym „Christianus“ Bischof Krenn stand. Als Chef motivierte er vorwiegend mit Lob und stellte sich stets vor seine Mitarbeiter, wenn Bischöfe deren Texte, ob in der Zeitung oder in Büchern, beanstandeten. Als sich 1994 Sparmaßnahmen in der „Furche“ abzeichneten, gab er ohne Umschweife seinen Posten ab.

Später bewährte er sich beim „Österreichischen Bauernbündler“ (1995-1999) und dann bis zu seiner Pensionierung (2012) als Sprecher des Verbandes Österreichischer Zeitungen (VÖZ). Ehrenamtlich engagierte er sich noch als Vizepräsident des Presseclubs Concordia, als Ombudsmann des Österreichischen Presserates sowie als Vorsitzender der Publizistikförderungskommission.

„An die Maschinen!“ Mit diesem Kommando beendete Hannes Schopf viele „Furche“-Redaktionskonferenzen. Dabei agierte der Eisenbahn-Fan sonst gar nicht als Kommandant, sondern als umsichtiger Stationsvorsteher und Weichensteller. Stets sorgte er für ein gutes Betriebsklima – auch mit launigen Gedichten bei Feiern, mit Betriebsausflügen, darunter „Furche“-Skitagen. Der brillante Skifahrer war zwar begeisterter Weinviertler mit Wohnsitz Auersthal, ging aber als Kind am Arlberg mit der jung verstorbenen Slalom-Weltcupsiegerin Gertrud Gabl in die Schule. Nun wurde ihm ein Skiurlaub in Ischgl zum Verhängnis, nach dem letzten Abschwung kehrte er mit der tödlichen Infektion zurück. 

Ein Mann, der spürbar zwei große Kraftquellen in seinem Leben hatte – seine Familie und seinen Glauben –, ist uns, leider viel zu früh, ein Stück vorausgegangen.

Das harte Los von Politikerinnen

Es ist verdammt hart, Politikerin zu sein. Der Trend geht anscheinend wieder zu Männern in Spitzenpositionen. Ein Beitrag aus der Zeitschrift „Quart“.

Das Jahr 2020 steht schon jetzt im Zeichen des Coronavirus. Womit wird es noch in die Geschichte eingehen? Wird es das Jahr einer neuen großen Fluchtbewegung nach Europa? Wird es das Jahr der Abwahl oder der Wiederwahl von Donald Trump? Wird am Ende dieses Jahres ein tragfähiger Vertrag die Beziehungen zwischen der EU und Großbritannien nach dem Brexit regeln? Erleben wir in diesem Jahr weitere Aktionen pro oder kontra Papst Franziskus oder wider Erwarten neue Aufbruchstimmung in der römisch-katholischen Kirche? Wird es das Jahr, in dem ein entscheidender Schritt in der Klimapolitik gelingt?

Ein Trend dürfte sich 2020 allem Anschein nach verstärken: die Renaissance von Männerdominanz in politischen Führungsfunktionen. Im Vorjahr, als Ursula von der Leyen an die Spitze der EU-Kommission berufen wurde, sah es noch anders aus. Gleichzeitig musste freilich in Großbritannien die glücklose Theresa May dem Populisten Boris Johnson weichen. In den USA, wo 2016 Hillary Clinton die meisten Stimmen auf sich vereinte, aber aufgrund des Wahlsystems Donald Trump unterlag, hatten heuer Frauen schon bei den Vorwahlen keine Chance.

In Deutschland spürten die Vorsitzenden der großen Parteien zunehmend Gegenwind und zogen Konsequenzen. Andrea Nahles dankte als SPD-Chefin ab, was ihrer Partei nach einem langwierigen Wahlkampf eine wenig populäre Doppelspitze bescherte. Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer holte sich zwar auf einem Parteitag noch einmal ein Vertrauensvotum, kündigte aber ihren Rücktritt an, als sie einsah, dass große Teile der CDU nicht wirklich hinter ihr stehen. Um ihre Nachfolge rittern nur Männer. Ob die Kanzlerschaft von Angela Merkel erst 2021 planmäßig oder früher vorzeitig endet, bleibt abzuwarten. 

Es ist offenbar verdammt hart, als Politikerin einen Spitzenjob zu erlangen und sich dann darin über einen längeren Zeitraum zu behaupten. Auch die „eiserne Lady“ Margaret Thatcher, die über ein Jahrzehnt Großbritannien regierte, wurde schließlich von Parteikollegen gestürzt. Dass auch Österreich von einer Frau regiert werden kann, hat Brigitte Bierlein, die freilich ernannt und nicht gewählt wurde, für ein halbes Jahr bewiesen.

Man mag es als bedeutendes Signal feiern, wenn die neue türkis-grüne Regierung mehr Frauen als Männer aufweist, doch die wichtigsten Ämter bleiben in Männerhand. In nächster Zeit ist weder mit einer Bundes- oder Vizekanzlerin noch mit einer weiteren Landeshauptfrau – neben Johanna Mikl-Leitner – zu rechnen.

Bei der größten Oppositionspartei, der SPÖ, hatte die Vorsitzende Pamela Rendi-Wagner bisher nicht den Rückhalt, um den sie zuletzt bei der Parteibasis warb. Offenbar wollen viele in der Partei nicht mit ihr, sondern mit einem Mann an der Spitze in die nächste Nationalratswahl gehen. Wahrscheinlich hat sie nicht mehr Fehler begangen als andere Politiker, sowohl weibliche als auch männliche. Das wahre Problem von Politikerinnen sind wohl nicht nur Anfeindungen durch Macho-Typen in der eigenen Partei, sondern es zeigt sich dann, wenn sie glauben, besonders entschlossen und kämpferisch, also „männlich“, auftreten zu müssen und so viel an Authentizität und Sympathie beim Wahlvolk verlieren.  

Corona und die „alte Normalität“

Im Umgang mit Seuchen sind schnelles Handeln, Konsequenz und Geduld angesagt. Die Regierung zeigt mehr davon als die Opposition.

Es musste ja so kommen. Im österreichischen Parlament ist die „alte Normalität“ eingekehrt. Die Oppositionsparteien, offenbar gebeutelt von mageren Umfragewerten, verabschieden sich vom gemeinsamen Kampf gegen Covid-19, obwohl das Virus noch keineswegs endgültig besiegt ist, und geben der Regierung die Schuld an fast jeder Unbill, die der verantwortungsvolle Umgang mit einer solchen Pandemie eben mit sich bringt.

So sehr man die Politik des Kanzlers in anderen Bereichen für falsch halten und seiner Art des Auftretens keine große Sympathie entgegenbringen mag, so wenig hat er sich die jüngste bissige Kritik im Umgang mit der Corona-Krise verdient. Meiner Meinung nach würde niemand aus der Opposition – ausgenommen eventuell die Expertin Pamela Rendi-Wagner, die sich aber wahrscheinlich in ihrer Partei mit harten Maßnahmen nicht durchgesetzt hätte – besser mit dieser Pandemie umgehen. Schon gar nicht ein Herbert Kickl, der sich jetzt – wie herzig! – Sorgen um zu viel Überwachung und Einschränkung der Freiheitsrechte macht.

Natürlich kann man sich an Details stoßen, natürlich ist nicht alles perfekt gelaufen. Wenn man aber bedenkt, dass die neue Regierung – noch gar nicht die früher übliche Schonzeit von hundert Tagen im Amt – mit der größten weltweiten Krise seit 1945 konfrontiert wurde, verdient ihre Performance punkto Covid-19 (das gilt sicher nicht für alle ihre Leistungen) höchsten Respekt.

Bei Pandemien zählen schnelles Handeln, Konsequenz und vor allem Geduld. Es ist in derartigen Situationen leider absolut unvermeidlich, dass rasch alle Kontakte auf ein Minimum beschränkt werden müssen und dass dies einen weitgehenden Stillstand des öffentlichen Lebens und einen massiven Verlust an Einkommen und Lebensqualität für die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung zur Folge hat. Österreich hat auf die ersten Corona-Fälle (das Land Tirol vielleicht ausgenommen) abrupter und härter reagiert als andere Staaten, weshalb es jetzt deutlich besser dasteht. Früher hätte die Regierung kaum handeln können. Noch als sie die ersten Maßnahmen setzte, hatte sie zahlreiche Verharmloser der Pandemie, die es bis heute gibt, gegen sich, die das Vorgehen der Politik für „überzogen“ hielten. Inzwischen gehen diesen Leuten langsam die Länder aus, die angeblich klüger mit Covid-19 umgegangen sind: Das immer wieder genannte Schweden (das übrigens verspätet auch etliche Maßnahmen gesetzt hat) weist fast die vierfache Mortalität von Österreich auf und hat nur deshalb kaum mehr bestätigte Corona-Fälle, weil dort deutlich weniger getestet wird.

Heute erspart Österreich wahrscheinlich jeder einzelne Tag, den der „Lock down“ früher als in anderen Ländern gesetzt wurde, nicht nur viele Kranke und Tote, sondern beschert ihm auch ein früheres „Hochfahren“ des öffentlichen Lebens. 

Dass dieses Hochfahren nur in einzelnen Schritten und nicht überall gleichzeitig erfolgen kann, wenn der bisherige Kampf gegen das Virus erfolgreich bleiben soll, müsste jedem vernünftigen Menschen einleuchten. Natürlich kann man je nach Interessenlage endlos darüber streiten, in welchen Bereichen die Lockerungen früher oder später erfolgen sollten, aber es gibt gute Gründe dafür, dass man mit Handel und Gewerbe und nicht mit den Schulen angefangen hat und dass man den Tourismus und die Großveranstaltungen vorläufig ganz nach hinten gereiht hat. Wenn sogar ein Devisenbringer wie das Oktoberfest in München bereits jetzt abgesagt wird, ist auch hierzulande Geduld angesagt – ohne Geduld wird diese Krise nämlich nicht zu meistern sein.

Wenn aber die Krise gemeistert wird, ist das der Erfolg aller Österreicher und Österreicherinnen, die sich konsequent um die Eindämmung der Seuche bemüht haben, und – nicht nur, aber auch – aller verantwortungsvoll handelnden Politiker im Land, auch jener der Opposition, soweit sie jetzt nicht entbehrliche Haxelbeißerei betreiben. 

Der Marathon hat erst begonnen

Eine frühe Lockerung der Corona-Maßnahmen in Österreich wäre verantwortungslos.


Wann können die Corona-Maßnahmen in Österreich gelockert oder beendet werden?
Wer sich auf diese derzeit häufig gestellte Frage eine konkrete Antwort in Form eines Datums erwartet oder erhofft, ist leider weltfremd. Die Antwort liefert nämlich nicht der Kalender, sondern die derzeit nur grob abschätzbare Entwicklung der Corona-Statistik. Um beim bereits angestellten Vergleich mit einem Marathon zu bleiben: Man weiß, dass ein Marathon nach 42,195 km zu Ende ist. Wie lange man für diese Strecke braucht, ist aber individuell verschieden. Ja, ein Marathon kann in zwei Stunden erledigt sein, aber nur für einen Weltrekordläufer unter idealen Bedingungen.
Solange die Zahl der Corona-Infektionen und der Bedarf an Intensivbetten steigen, kann kein verantwortungsvoller Mensch eine Lockerung der Maßnahmen befürworten. Vielmehr ist zu fordern, dass erst dann, wenn die Zahl der akuten Fälle sinkt und unter jene der von CoVid-19 Genesenen fällt, langsam daran gedacht werden kann, in kleinen Schritten zur „Normalität“ – die eine andere als früher sein wird – zurückzukehren. Eine Vorbedingung wäre, dass ein möglichst hoher Anteil der Bevölkerung getestet wird, um festzustellen, wie viele Menschen Antikörper gegen das Virus entwickelt haben. Diese Personen sollten je nach Qualifikation und Bedarf vorrangig wieder in jenen Bereichen der Arbeitswelt eingesetzt werden, wo ein Sicherheitsabstand hinderlich ist.
Fast alle, insbesondere Politiker, aber auch etliche Mediziner, haben die Gefahr lange Zeit unterschätzt. Die Corona-Pandemie wurde mit der Grippe verglichen, die ersten Gegenmaßnahmen erschienen vielen als „überzogen“. Heute weiß man, dass die Mortalitätsrate jene der Grippe deutlich übertrifft und eine gleichzeitige Erkrankung vieler Menschen die Kapazitäten des Gesundheitssystems sprengt. Doch obwohl die Zahl der Infektionen nach wie vor zunimmt, erheben sich ständig Stimmen, denen die Einschränkungen schon zu lange dauern. 
Dazu ist in aller Deutlichkeit zu sagen: Lieber jetzt zwei, drei Wochen länger mit Lockerungen warten als nach einer möglichen massiven Wiederkehr des Virus ein halbes Jahr in einem Ausnahmezustand zu leben. Wenn eine Diktatur wie China drei Monate zur Bewältigung der Krise gebraucht hat, darf die Demokratie Österreich auch so lange brauchen. 
Der Zeitpunkt, an dem Entspannung eintritt, könnte – relativ – nahe sein, würden wir alle geduldig und diszipliniert agieren. Das scheint aber eine Illusion zu sein. Während sich die meisten Menschen vorbildlich verhalten, während viele mit größtmöglichem Einsatz um das Leben von Kranken kämpfen oder die Infrastruktur dieses Landes aufrecht halten, halten andere eine Umgehung der Maßnahmen für ein Kavaliersdelikt, wenn nicht sogar für ihr gutes Recht.
Genau jene, die sich über die gegenwärtigen Maßnahmen hinwegsetzen – und das sind leider noch viel zu viele –, tragen entscheidend dazu bei, dass wir vielleicht noch Monate statt Wochen, was sonst durchaus möglich wäre, mit diesen Einschränkungen werden leben müssen.