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Heiner Boberski in St. Wolfgang, Oktober 2015

Die Qual dieser Wahl

Wählen ist für mich Bürgerpflicht. Das allgemeine und freie Wahlrecht musste mühsam erkämpft werden – und muss es in vielen Ländern der Erde immer noch –, mir fehlt jedes Verständnis dafür, wenn jemand bewusst auf dieses Recht verzichtet.
Es gibt keine verlorenen Stimmen. Auch wer ungültig wählt, setzt ein Zeichen, indem er signalisiert, dass er die Demokratie grundsätzlich bejaht, nur bei dieser Wahl eben keine Partei entdeckt hat, für die er sich entscheiden konnte. Auch jemand, der eine Partei wählt, die wenig Aussichten hat, ins Parlament einzuziehen, verdient Respekt, allerdings nur mit Einschränkungen, wenn er eine Liste nur aus purem Jux ankreuzt (das wäre aus meiner Sicht bei Düringers „G!lt“ der Fall) und nicht aus Überzeugung (dafür käme die KPÖ in Frage).
Vernünftiger ist es natürlich, einer Partei die Stimme zu geben, die dann auch im Parlament ihre Wählerinnen und Wähler vertreten kann. Bei der Nationalratswahl 2017 haben neben den drei Parteien, die den Anspruch auf den künftigen Kanzler stellen, weitere drei Listen diese Chance: die Grünen, die Neos und die Liste Pilz. Ich würde es allen dreien gönnen, dieses Ziel zu erreichen – es wäre gut für die Lebendigkeit des Parlamentarismus und würde die weltanschauliche Buntheit der Bevölkerung auch im Nationalrat widerspiegeln. Ich habe großes Verständnis dafür, wenn jemand für eine dieser drei Listen votiert, weil er vom Hickhack der größeren Parteien genug hat und das Engagement und die weitgehend sachliche Politik der drei Listenführer Ulrike Lunacek, Matthias Strolz oder Peter Pilz schätzt.
Wer allerdings als Wählerin oder Wähler in den Kampf um die Kanzlerschaft eingreifen will, wird sich, oft schweren Herzens und einige Antipathien überwindend, für den jeweiligen Spitzenkandidaten von SPÖ, ÖVP oder FPÖ entscheiden müssen, und sei es auch nur, um eine bestimmte Regierungskonstellation zu verhindern. Christian Kern hat sich schon als Verhinderer von Schwarz/Türkis-Blau in Stellung gebracht (es soll für ihn wohl auf Rot-Blau hinauslaufen), Sebastian Kurz hingegen als Bollwerk gegen Rot-Blau (was wahrscheinlich zu Schwarz/Türkis-Blau führen würde). Und Heinz Christian Strache war ja schon seit Jahren nicht müde, die gegenwärtige Koalition als das übelste Hemmnis für Reformen in diesem Land darzustellen, wohl wissend, dass er nur in Kooperation mit einer der bisherigen Regierungsparteien Kanzler oder Vizekanzler werden kann.
Ein Bundeskanzler Strache? Diese Möglichkeit besteht, wenn die FPÖ auf Platz eins landet, aber auch wenn sie Zweiter wird und der Dritte, mutmaßlich die SPÖ, vielleicht aber auch die ÖVP, alles andere einer weiteren Koalition von Sozialdemokraten und Volkspartei vorzieht. Ob das funktionieren würde, ist eine andere Frage – wahrscheinlich würde es sehr rasch in der SPÖ eine „Kernspaltung“ und in der ÖVP einen „Kurzschluss“ auslösen. Das Ausland würde zu Recht aufschreien, der Bundespräsident alle Hebel dagegen in Bewegung setzen, aber es wäre nicht auszuschließen, dass Strache eine knappe Mehrheit im Parlament hinter sich bringt.
Ein Bundeskanzler Kurz? Die Umfragen, die dem jungen Volksparteichef einen klaren Wahlsieg prognostizieren, sind mit großer Vorsicht zu genießen. Das „negative campaigning“ gegen ihn könnte sehr wohl noch Wirkung zeigen. Möglicherweise kehren viele Stimmen, die ihm aus dem bisher freiheitlichen Wählerspektrum winkten, im letzten Moment zur FPÖ zurück, zudem polarisiert er, der wahrscheinlich als Einziger wirklich Reformen auf den Weg bringen könnte und würde, mit Positionen, die gerade gestandene Christdemokraten verstören. Selbst wenn Kurz Erster wird, muss er danach noch die Koalitionsverhandlungen gewinnen, als Zweiter oder Dritter sind seine Chancen dahin – der Coup des Wolfgang Schüssel nach der Wahl 1999 erscheint kaum wiederholbar.
Nochmals ein Bundeskanzler Kern? Im Grunde wäre es ein politisch verheerendes Signal, nämlich eine Belohnung für ihre Unfairness in mehreren Wahlgängen seit 2001, wenn die SPÖ doch noch das Rennen macht und wieder, mutmaßlich mit Hilfe der FPÖ, den Kanzler stellt. Auch diese Variante ist nicht auszuschließen.
Am Wahlabend wird es Sieger und Verlierer geben, die Verlierer werden eventuell schon sehr bald von der politischen Bühne verschwinden. Treten neue Personen in ihre Fußstapfen, die nicht die alten Ressentiments gegen politische Konkurrenten weitertragen, werden andere Konstellationen möglich. Aus meiner Sicht wäre es durchaus wünschenswert, wenn das Wahlergebnis Koalitionen ermöglichen würde, an der nur eine der größeren und ansonsten kleinere Parteien beteiligt wären, aber danach sieht es derzeit – leider – eher nicht aus.

Maria Theresia (1717-1780)

Eine „Powerfrau“ des 18. Jahrhunderts

Eine „Powerfrau“ des 18. Jahrhunderts

300 Jahre Maria Theresia – in Österreich erinnern dieses Jahr mehrere Ausstellungen an die große Monarchin aus dem Haus Habsburg.

VON HEINER BOBERSKI

Maria Theresia kam am 13. Mai 1717 zur Welt. Dass sie ab 1740 die habsburgischen Lande regieren konnte, verdankte sie der bereits 1713 von ihrem Vater, Kaiser Karl VI., publizierten sogenannten Pragmatischen Sanktion, die den Zusammenhalt der habsburgischen Gebiete sichern sollte und für den Fall des Fehlens eines männlichen Nachkommen einer Erzherzogin die Herrschaft ermöglichte. Dass sich Maria Theresia in dieser Rolle bewähren konnte, weist sie als echte „Powerfrau“ des 18. Jahrhunderts aus.
Auf dieses Jahrhundert bezogen schreibt der Historiker Pieter M. Judson in seinem neuen Werk „Habsburg – Geschichte eines Imperiums 1740-1918“: „Die Habsburger waren Herrscher über Territorien, die sich in heutiger Zeit auf zwölf verschiedene Staaten verteilen.“ Eines dieser Länder ist Luxemburg, das damals ein Herzogtum war. Nach dem Frieden von Utrecht, der 1714 den Spanischen Erbfolgekrieg beendete, umfasste es einen Teil der habsburgischen Niederlande, ehe es als Folge der Französischen Revolution 1794/95 von den Franzosen annektiert wurde. 1815 machte dann der Wiener Kongress Luxemburg, das später einen großen Teil seines Territoriums an Belgien verlor, zu einem selbständigen Großherzogtum.
In Österreich wird des 300. Geburtstages von Maria Theresia mehrfach gedacht, in Wiens Straßen und Bahnhöfen begegnet man ständig Plakaten mit Bildern von ihr, die auf diverse Ausstellungen hinweisen. Im Fernsehen beleuchtete ein „Universum History“-Film mit der Schauspielerin Gerti Drassl in der Hauptrolle das Leben der Monarchin. Deren Regierungsantritt gestaltete sich alles andere als leicht. Wie dramatisch die Situation war, nachdem Karl VI. am 20. Oktober 1740 nach kurzer Krankheit im Alter von 55 Jahren gestorben war, schreibt Barbara Stollberg-Rilinger, Historikerin an der Universität Münster, in ihrer neuen empfehlenswerten Biographie „Maria Theresia“ (C.H. Beck Verlag): „Noch lag der Leib des toten Kaisers prunkvoll öffentlich aufgebahrt in der Ritterstube der Hofburg, da brachen auch schon in der Umgebung der Hauptstadt Unruhen aus. Viele der einfachen Untertanen betrachteten offenbar die weibliche Thronfolge als illegitim und den Thron als vakant.“ Es zeigte sich schnell, so Stollberg-Rilinger, „dass alle Vorkehrungen Karls VI. zur Sicherung seines Erbes nach seinem Tod nichts mehr wert waren“. Venezianische Gesandte in Wien meinten damals, Maria Theresia habe keinen Rückhalt im Volk, es werde nicht gut für sie ausgehen.
Ältere Kusinen von Maria Theresia waren mit mächtigen Adeligen vermählt, das bayerische Haus Wittelsbach erhob sofort Anspruch auf das habsburgische Erbe. Friedrich II. von Preußen verlangte für die Anerkennung der Pragmatischen Sanktion die Provinz Schlesien und rückte bereits im Dezember 1740 dort ein. Doch die junge Erzherzogin, die 1736 aus Liebe Franz Stephan von Lothringen und nicht, wie es vielen ratsamer erschienen war, einen bayerischen Prinzen geheiratet hatte, wies solche Ansinnen zurück, machte ihren Gatten zum Mitregenten und führte notgedrungen einen jahrelangen Erbfolgekrieg, in den mehrere Länder Europas verwickelt waren.
Im Juni 1741 ließ sich Maria Theresia zum „König von Ungarn“ (Rex Hungariae) krönen – der Begriff Königin war noch nicht vorgesehen. Ihr mit Tränen verbundener Appell an die ungarischen Magnaten, sie als Herrscherin und Mutter zu unterstützen, stieß nicht nur, aber vorwiegend auf positive Resonanz. Dass sie dabei den kleinen Thronfolger auf dem Arm hielt, wie es sogar bildlich überliefert ist, gilt heute als Legende.
Trotz der ungarischen Hilfe sah die Lage für Maria Theresia fast hoffnungslos aus. Ihr Gegner Karl Albrecht von Bayern wurde zum Kaiser gewählt, er konnte aber nur von Frankfurt aus regieren, weil es den Österreichern gelang, München zu besetzen.
Maria Theresia behauptete sich und erreichte, dass nach Karl Albrechts Tod 1745 ihr Mann Franz Stephan zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gewählt wurde. Der Frieden von Aachen stellte 1748 weitgehend die Verhältnisse wie beim Tod Karls VI. her – Schlesien fiel allerdings an Preußen. Dabei blieb es auch nach dem Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763), von dem sich Maria Theresia die Rückgewinnung Schlesiens erhofft hatte, im Frieden von Hubertusburg und Paris.
Obwohl sich Maria Theresia nie zur Kaiserin krönen ließ, wird ihr Name stets mit diesem Titel verbunden. Die habsburgischen Länder – das Kaiserreich Österreich gab es aber erst ab 1804 – regierte sie bis zu ihrem Tod am 29. November 1780. Nach dem Tod ihres geliebten Mannes Franz Stephan im Jahr 1765 trug sie nur noch Witwentracht. Für die Toleranzideen ihres liberalen Sohnes Joseph, der seinem Vater als Kaiser des Reiches folgte, hatte Maria Theresia, zu deren Schattenseiten die Vertreibung von Juden und Protestanten gehörte, kein Verständnis. Ihre Sittenstrenge ließ sie 1752 eine eigene Keuschheitskommission einrichten, ihr ausgeprägter Katholizismus hielt sie aber nicht davon ab, ihre Kinder vor allzu viel Romhörigkeit zu warnen.
Wer sich über sie und ihre Epoche umfassend informieren will, hat heuer in Wien und Umgebung bei mehreren Ausstellungen dazu Gelegenheit. Die Österreichische Nationalbibliothek zeigt in ihrem Prunksaal bis 5. Juni sehenswerte Schriftstücke aus ihren Beständen, darunter das mittels Crowdfunding restaurierte Erbhuldigungswerk von 1740, das aus konservatorischen Gründen aber nur von 4. bis 23. April ausgestellt wurde. Im Stift Klosterneuburg nahe Wien sind sakrale Kunstwerke ihrer Epoche zu sehen. Das Münzkabinett im Wiener Kunsthistorischen Museum präsentiert die Medaillen Maria Theresias. Weithin bekannt ist der Maria-Theresien-Taler, der noch heute in Teilen Afrikas als Zahlungsmittel Verwendung findet.
Die größte Schau verteilt sich auf vier Orte, darunter das Hofmobiliendepot in Wien-Neubau, wo Werner Telesko, der Direktor des Instituts für kunst- und musikhistorische Forschungen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, als Kurator agiert hat. Zu den Highlights der dortigen Präsentation „Familie und Vermächtnis“ zählt Telesko die Pastellportraits von Maria Theresia und ihren Kindern von Jean-Étienne Liotard, sowie exquisite Skulpturen, unter anderem Maria Antoinette darstellend, und archivalische Zeugnisse wie etwa zahlreiche Briefe Maria Theresias an ihre Kinder. Ein Blickfang ist ein 2,8 Kilogramm schwerer Blumenstrauß aus Edelsteinen – 2102 Diamanten und 761 Farbsteinen – aus dem Wiener Naturhistorischen Museum, mit dem Maria Theresia 1760 ihrem Mann Franz Stephan zum Namenstag eine Überraschung bereitete.
Telesko verweist auf die große Vielfalt der hier ausgestellten Objekte, die von Gemälden und Skulpturen, Kupferstichen und Karikaturen bis zu Filmen, etwa dem berühmten Maria-Theresia-Streifen mit Paula Wessely aus dem Jahr 1951, reicht. Denn man wollte auch das Nachwirken Maria Theresias darstellen, die wie niemand sonst aus dem Haus Habsburg(-Lothringen), höchstens noch der Langzeit-Kaiser Franz Joseph I., über Jahrhunderte im Gedächtnis des Landes präsent geblieben ist.
Zwei weitere Schauplätze der Großausstellung liegen im Marchfeld östlich von Wien. Schloss Hof legt unter dem Titel „Bündnisse und Feindschaften“ den Schwerpunkt auf die Außenpolitik. „Solange Maria Theresia Kriege geführt hat, wurden Gebiete verloren, durch Diplomatie wurden Gebiete gewonnen“, stellt der der dortige Kurator, der Wiener Historiker Karl Vocelka, pointiert fest. So kam noch 1779, ein Jahr vor Maria Theresias Tod, das Innviertel von Bayern zu Oberösterreich.
Schloss Niederweiden widmet sich dem Thema „Modernisierung und Reformen“, bei dem unter anderen ihr niederländischer Leibarzt Gerard van Swieten eine wichtige Rolle spielte. Nicht nur das Schulwesen und die Wissenschaften wurden reformiert, auch die militärische Ausbildung und die Zensur. Auf Drängen von Joseph von Sonnenfels kam es zur Abschaffung der Tortur, also der Folter.
Weniger politisch geht es in der Wagenburg des Schlosses Schönbrunn in Wien zu, die „Frauenpower und Lebenslust“ in den Mittelpunkt stellt, prächtige Kutschen und Schlitten und dazu eine Maria Theresia, die dem Reiten, Tanzen und Kartenspiel zugeneigt war. „Spektakel müssen sein“, hieß es von Maria Theresia, in deren Epoche auch die Eröffnung des Wiener Hoftheaters nächst der Burg, des heutigen Burgtheaters, im Jahr 1776 fiel. Telesko ist überzeugt: „Hätte ihr Vater die Erbfolge anders geregelt, wäre aus dieser Frau sicher nicht diese Frontfrau, sondern etwas ganz anderes geworden, eine lebenslustige Erzherzogin, die gerne Karten gespielt, getanzt und sich des Lebens erfreut hat.“
Ihren Kindern war Maria Theresia aber eine strenge Mutter. Während sie selbst eine Liebesheirat mit Franz Stephan einging, gestand sie nur ihrer Lieblingstochter Marie Christine auch eine solche zu. Alle anderen Töchter mussten ihre Ehen nach politischer Zweckmäßigkeit eingehen. Am bekanntesten ist das Schicksal von Maria Antonia, die den späteren französischen König Ludwig XVI. heiratete und in der Französischen Revolution der Guillotine zum Opfer fiel. Das musste Maria Theresia, die man auch die „Schwiegermutter Europas“ nannte, nicht mehr erleben. Ein aus heutiger Sicht negativer Zug an ihr war, dass sie sich ständig in das Leben ihrer Kinder, auch der längst erwachsenen und verheirateten, einmischte – mit Ratschlägen, aber oft auch Vorwürfen.
Was Maria Theresia als Politikerin auszeichnete, war ihr Blick für notwendige Reformen, zu denen 1774 die Einführung der Unterrichtspflicht gehörte. und für gute Berater. Werner Telesko betont: „Ihre Leistung ist, die Masterminds erkannt und sie an den richtigen Stellen eingesetzt zu haben.“ Sie vertraute Diplomaten wie Johann Christoph von Bartenstein und Wenzel Anton von Kaunitz oder Militärs wie Leopold Joseph von Daun, Gideon Ernst von Laudon und Johann Joseph von Khevenhüller.
„Sie ist mit ihren Aufgaben gewachsen“, betont der Experte. Unter den wenigen großen Monarchinnen besitze Maria Theresia durch ihre passioniert gelebte Rolle als Mutter von 16 Kindern eine Sonderstellung: „Sie hat die Mutterrolle in die Politik hineingetragen, sie hat sich auch als erste Mutter ihrer Länder bezeichnet.“
Beim Pressegespräch zu den Jubiläumsausstellungen sprach die Kuratorin Elfriede Iby von Maria Theresia als einer „hard working mum“. In ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter unterschied sie sich tatsächlich deutlich von anderen Herrscherinnen ihrer Zeit, etwa den russischen Zarinnen, die eher zur Promiskuität neigten als zu einem glücklichen Eheleben mit Kindern. Am ehesten wäre Maria Theresia noch mit der ein Jahrhundert später regierenden Queen Victoria von England vergleichbar.
Genderdiskussionen von heute sind jedenfalls nichts völlig Neues. Werner Telesko wünscht sich, dass das Jubiläum nicht nur das Basiswissen über Maria Theresia merklich erhöht, sondern auch eine grundsätzliche Frage bewusst macht, „die auch uns heute in irgendeiner Form bewegt: Was bedeutet eigentlich weibliche Politik in einer historisch sehr krisenhaften Zeit? Welche Möglichkeiten hat dabei eine Frau, welche Mechanismen, welche Strategien setzt sie ein? Da kann man, glaube ich, von Maria Theresia sehr viel lernen.“

Die Ausstellungen in Wien und Umgebung

300 Jahre Maria Theresia
Strategin, Mutter, Reformerin
15. März bis 29. November 2017
Ausstellung an vier Orten: Schloss Hof, Schloss Niederweiden, Hofmobiliendepot/Möbel Museum Wien, Kaiserliche Wagenburg Wien, veranstaltet von der Schloss Schönbrunn Kultur- und Betriebsges.m.b.H.

Maria Theresia
Habsburgs mächtigste Frau
17. Februar bis 5. Juni 2017
Österreichische Nationalbibliothek Wien

Zuhanden Ihrer Majestät
Medaillen Maria Theresias
28. März 2017 bis 18. Februar 2018
Münzkabinett des Kunsthistorischen Museums Wien

Kirche, Kloster, Kaiserin
Maria Theresia und das sakrale Österreich
4. März bis 15. November 2017
Stift Klosterneuburg

Schweizergardist im Vatikan

Sesselrücken im Vatikan

Sesselrücken im Vatikan

Personalveränderungen und Skandale in Rom vor dem Hintergrund des Kampfes zwischen Reformern und Konservativen.

Von Heiner Boberski

Was im Vatikan geschieht, findet meist dann große Beachtung auf der internationalen Medienbühne, wenn es um Personalveränderungen in den obersten Etagen oder um Skandale geht. Für beides war in jüngster Zeit gesorgt, in den Hauptrollen der dramatischen Ereignisse agierten neben Papst Franziskus zwei hochrangige Kardinäle, die man als die „Nummer drei“ und „Nummer vier“ im Vatikan sehen kann, an Bedeutung nur vom Pontifex selbst und dessen Regierungschef, Kardinal-Staatssekretär Pietro Parolin, übertroffen.
Über dem Finanzchef der Kirchenzentrale, dem australischen Kardinal George Pell, brauten sich schon seit geraumer Zeit dunkle Wolken zusammen. Der nun 76-jährige Kirchenmann, der 2003 als Erzbischof von Sydney – zuvor war er Erzbischof von Melbourne – Kardinal wurde, sieht sich seit Jahren mit dem Vorwurf konfrontiert, in seiner Heimat Fälle von sexuellem Missbrauch vertuscht, ja womöglich sogar selbst begangen zu haben. Pell, seit 2014 Präfekt des damals neu gegründeten Vatikan-Wirtschaftsrates, ist der erste Kurienkardinal, gegen den aus solchen Gründen ein polizeiliches Ermittlungsverfahren läuft. Am 18. Juli soll er deshalb vor dem Amtsgericht in Melbourne erscheinen. Der Papst hat Pell, der alle Anschuldigungen zurückweist, beurlaubt, um ihm Gelegenheit zu geben, sich vor der australischen Justiz zu rechtfertigen.
Wer sich vor Augen hält, wie sehr dereinst die Causa Groer die katholische Kirche Österreichs belastet hat, kann ermessen, welche Wellen der Fall Pell in Australien schlägt. Ein Buch der Journalistin Louise Milligan mit dem Titel „Cardinal: The Rise and Fall of George Pell“ wurde vom Verlag aus dem Verkauf genommen, denn im Falle eines Prozesses könnte das Buch das Verfahren beeinflussen.
Angeblich legen mehrere Kläger dem Kardinal lange zurückliegende sexuelle Übergriffe zur Last. Schon 2002 hat sich eine Untersuchungskommission der Erzdiözese Melbourne mit einem Missbrauchsvorwurf gegen Pell befasst, den Erzbischof aber mangels an Beweisen freigesprochen. Auch viele von jenen, die George Pell nicht selbst in der Täterrolle sehen, werfen ihm vor, dass er im Umgang mit pädophilen Priestern versagt und zu wenig für die Opfer getan habe. Der Kardinal hat auch wegen seiner Positionen als konservativer Hardliner viele Kritiker. Papst Franziskus hat ihn 2013 trotzdem als Vertreter Australiens in jenen Kardinalsrat berufen, der die Kurie reformieren soll. Dem Pontifex aus Argentinien kommt es aber jetzt vielleicht durchaus gelegen, wenn Pell das Feld räumt, weniger wird ihm gefallen, dass damit ein großer Imageschaden für die ganze Kirche verbunden ist. Der Vatikan halte seine offizielle Null-Toleranz-Strategie gegenüber Missbrauchstätern nicht ein, lauten schon seit einiger Zeit Vorwürfe, etwa vom italienischen Journalisten Emiliano Fittipaldi – unter Nennung des Namens Pell. Zwar wurde jüngst Mauro Inzoli, ein verurteilter Kinderschänder, endgültig aus dem Priesterstand entlassen, doch im März 2017 war mit entsprechendem Medienecho das letzte verbliebene Missbrauchsoper der 2014 von Franziskus ins Leben gerufenen päpstlichen Kinderschutzkommission zurückgetreten, die Irin Marie Collins. Sie hatte ihren Schritt mit der mangelnden Kooperationsbereitschaft der vatikanischen Behörden, insbesondere der Kongregation für die Glaubenslehre, begründet.
Dass Papst Franziskus jüngst den Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Müller, abberief, überraschte nicht, widersprach aber bisherigen Usancen. Zwar ist Müllers Amtszeit abgelaufen, doch ein erst 69-jähriger Kardinal erhält normalerweise eine Verlängerung oder sofort ein neues ehrenvolles Amt. Der Papst habe beschlossen, ab sofort nur noch Amtszeiten von fünf Jahren zuzulassen, erklärte Müller der Mainzer „Allgemeinen Zeitung“. Er sei eben der Erste gewesen, bei dem das umgesetzt wurde. Er habe ein gutes Verhältnis zum Papst, betonte der ehemalige Bischof von Regensburg, kritisierte aber dessen Vorgangsweise. Die Abberufung sei ihm am letzten Tag „innerhalb einer Minute“ mitgeteilt worden. „Diesen Stil kann ich nicht akzeptieren“, erklärte der deutsche Kardinal, auch für den Umgang mit Mitarbeitern in Rom müsse die Soziallehre der Kirche gelten.
Unübersehbar war freilich, dass Müller mit dem Papst, vor allem mit dessen Schreiben „Amoris laetitia“, nicht auf einer Linie lag, wenn er sich auch von jenen vier Kardinälen distanzierte, die mit einem offenen Brief in direkte Opposition zu Franziskus traten: Carlo Caffara, Raymond Burke, Walter Brandmüller und der jüngst verstorbene Joachim Meisner. Er habe noch kurz vor dessen Tod mit Meisner telefoniert, sagte Müller, diesen habe Müllers Abberufung von der Spitze der Glaubenskongregation „persönlich bewegt und verletzt“. Sendungsbewusst bot sich Müller nun als Moderator für ein Gespräch zwischen dem Papst und den drei noch lebenden kritischen Kardinälen an: „Ich habe als Kardinal weiterhin die Verantwortung, für die Einheit der Kirche zu sorgen und Polarisierungen so weit wie möglich zu verhindern.“
War Müller ein Vertrauensmann des emeritierten Papstes Benedikt XVI., so gilt sein 73-jähriger Nachfolger als Präfekt, Luis Francisco Ladaria Ferrer, manchen als „rechte Hand“ von Papst Franziskus, wiewohl er 2008 von Benedikt in sein bisheriges Amt als Sekretär der Glaubenskongregation geholt worden ist. Ladaria hat den Ruf eines „gemäßigten Konservativen“, kommt wie Franziskus aus dem Jesuitenorden, lehrte an der Päpstlichen Universität Gregoriana Dogmatik und spricht gut Deutsch, da er unter anderem an der Jesuitenhochschule Sankt Georgen in Frankfurt studierte. Er leitet die von Franziskus 2016 eingerichtete Kommission zum Frauendiakonat, eines der Reformprojekte des Papstes, der sichtlich neue Möglichkeiten zur Aufwertung von Frauen in der kirchlichen Hierarchie sucht. Anfang Juli hat Franziskus die Italienerin Flaminia Giovanelli zur Untersekretärin der neuen für Migration, Menschenrechte, Umwelt und Armutsbekämpfung zuständigen Behörde ernannt. In solche Positionen rücken Frauen im Vatikan nur sehr selten vor.
Aufwerten möchte der Papst offensichtlich auch geographische Randgebiete der Kirche. So hat er jüngst nur einen Inhaber eines traditionellen „Kardinalssitzes“ zum Kardinal ernannt, nämlich Juan Jose Omella, den Erzbischof von Barcelona, daneben aber vier Überraschungskandidaten: Gregorio Rosa Chavez aus San Salvador, den Weggefährten des ermordeten Erzbischofs Oscar Romero, Anders Arborelius aus Stockholm, Louis-Marie Ling Mangkhanekhoun aus Laos und Jean Zerbo, den Erzbischof von Bamako in Mali.
Nicht gerade amüsiert dürfte der Papst erfahren haben, dass Zerbo als Finanzreferent seiner Bischofskonferenz an der Verschiebung von Millionenbeträgen auf Schweizer Privatkonten beteiligt gewesen soll. Und die Meldung, die Polizei habe eine Schwulen-Drogen-Orgie in der Wohnung des Sekretärs von Kardinal Francesco Coccopalmerio, dem Leiter des Päpstlichen Rates für Gesetzestexte, gestürmt, wirft kein gutes Licht auf die Zustände im Vatikan nach vier Jahren Bergoglio-Pontifikat. Mit diesen Zuständen und mit den in Opposition zu seinen Reformplänen stehenden Kräften innerhalb und außerhalb der römischen Kurie wird der Papst aus Argentinien noch viel zu ringen haben.
Manche spekulieren allerdings schon mit einem Rücktritt des seit März 2013 amtierenden Franziskus. Darauf könnten sein Hinweis auf eine Begrenzung von Amtszeiten auf fünf Jahre und die Ernennung von nur fünf – durchwegs noch zur Papstwahl berechtigten – Kardinälen hindeuten, denn meist wird gewartet, bis eine größere Anzahl zur Ernennung fällig ist. Benedikt XVI. hat kurz vor seinem Rücktritt auch nur sechs Kardinäle ernannt. Andere halten ein Abtreten von Franziskus, solange Benedikt lebt, für ausgeschlossen, zwei emeritierte Päpste seien undenkbar. So oder so bleibt die Frage, wie nachhaltig der 80-Jährige in der restlichen Zeit seines Pontifikates die Weichen in die kirchliche Zukunft in seinem Sinn zu stellen vermag.

Ausstellungsplakat in Graz

Allerorten Luther und die Reformation

Der Hammerschlag eines Wutchristen

Zahlreiche Ausstellungen erinnern an Martin Luther und den Beginn der Reformation vor 500 Jahren

„Ein Hammerschlag …“ lautet der Titel einer aktuellen Ausstellung im Museum für Geschichte des Grazer Museums Joanneum. Es geht um den 31. Oktober 1517, an dem der Augustinermönch Martin Luther mit der Veröffentlichung von 95 Thesen die Reformation eingeleitet hat. Die bevorstehende 500. Wiederkehr dieses Tages, den evangelische Christen alljährlich als Reformationsfest begehen, ist Anlass für viele Gedenkveranstaltungen und vor allem auch Ausstellungen. Einen Überblick über das gesamte Österreich-Programm liefert die Internet-Seite www.evangelisch-sein.at.
Manche Historiker halten es für eine Legende, andere heute wieder für glaubwürdig, dass Luther seine massive Kritik am Papsttum und an den kirchlichen Praktiken seiner Zeit wirklich eigenhändig ans Tor der Schlosskirche zu Wittenberg in Sachsen-Anhalt geschlagen hat. Die Grazer Ausstellung präsentiert den Thesenanschlag auf einem Gemälde von Ferdinand Pauwels aus dem Jahr 1872 und macht die weit reichenden Folgen dieses „Hammerschlags“ sichtbar. Historisch gesichert ist, dass Luther damals die Thesen einem Brief an den Erzbischof von Mainz, Albrecht Kardinal von Brandenburg, beilegte und als gedrucktes Plakat verbreiten ließ. Der Brief und ein solches Plakat sind in der Nationalen Sonderausstellung „Luther! 95 Schätze – 95 Menschen“ (so viele von Luthers Lehre geprägte Personen werden darin vorgestellt) in der Lutherstadt Wittenberg zu sehen.
Martin Luther kam am 10. November 1483 in Eisleben als Martin Luder zur Welt. 1505 trat er in Erfurt in den Orden der Augustiner-Eremiten ein. Seine Eindrücke auf einer Romreise (1510/1511) ließen ihn zum scharfen Kritiker des Papsttums werden. Um das Jahr 1515 – der Legende nach durch ein „Turmerlebnis“ in seinem Studierzimmer – festigte sich in ihm die Einsicht, dass nicht gute Werke, sondern nur Christus und der Glaube an Gottes Barmherzigkeit den Menschen beim Jüngsten Gericht rechtfertigen können. Angesichts der Ablass-Praktiken seiner Zeit, denen zufolge man sich durch Geldspenden – insbesondere für den Bau des Petersdoms in Rom – von seinen Sünden freikaufen konnte, wurde Luther zum Wutchristen.
In Rom leitete man Sanktionen gegen den aufmüpfigen Mönch ein, den jedoch sein Landesherr, Kurfürst Friedrich der Weise, unterstützte. Luther verteidigte sich 1521 auf dem Reichstag zu Worms, wobei – zumindest in ähnlicher Form – der legendäre Satz fiel: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen.“ Auf diesen Satz bezieht sich der Titel einer Ausstellung im Vorarlberger Landesmuseum zu 500 Jahre Reformation.
Der Rest ist Geschichte. Luther zog sich unter dem Schutz Friedrichs des Weisen auf die Wartburg zurück, übersetzte die Bibel ins Deutsche und heiratete die ehemalige Nonne Katharina von Bora. 1530 kam es zum Augsburger Bekenntnis („Confessio Augustana“) der Protestanten, deren Zahl rasch zunahm. Als Martin Luther am 18. Februar 1546 in Eisleben starb, war das Land längst in Katholiken und Protestanten gespalten. 1555 wurde der „Augsburger Religionsfrieden“ geschlossen, der die Existenz beider Konfessionen vorsah – der jeweilige Landesherr bestimmte den Glauben seiner Untertanen. Die katastrophalste Folge dieser Spaltung war wohl im 17. Jahrhundert der Dreißigjährige Krieg. Heute, vor allem seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965), sind die christlichen Konfessionen unter dem Begriff Ökumene um Versöhnung und die Klärung theologisch strittiger Fragen bemüht.
Zwar ist die große Schau „Brennen für den Glauben. Wien nach Luther“ im Wien Museum schon im Mai zu Ende gegangen, aber an weiteren Ausstellungen in Österreich ist kein Mangel. Dabei wird oft die Lebendigkeit des evangelischen Christentums in einer bestimmten Region gezeigt, etwa in der Schau „Ein Christenherz auf Rosen geht …“ im Burgenländischen Landesmuseum in Eisenstadt oder im Überblick über „500 Jahre Reformation in Villach“ sowie in der historischen Ausstellung „Das evangelische Jahrhundert in Steyr 1525-1625“ in den jeweiligen Stadtmuseen. Die Ausstellung „Freyheit durch Bildung“ auf der Schallaburg bei Melk ruft die im 16. Jahrhundert mit einem reformpädagogischen Konzept gegründete „Hohe Schule“ zu Loosdorf in Erinnerung.
Zu den Highlights in Wien zählen „evangelische Interventionen“ im Volkskundemuseum, darunter eine kürzlich restaurierte „Hauspostille von Martin Luther“ aus der Zeit um 1600. Den Bogen vom Mittelalter bis ins Jahr 2017 spannt die – auch selbstkritische – Ausstellung „500 Jahre Reformation – Evangelisch-lutherischer Glaube in Wien“ im Bezirksmuseum Innere Stadt. In der Kunstkammer des Kunsthistorischen Museums kann ein Zeitzeuge der Reformation bewundert werden, der um 1540 entstandene „Mömpelgarder Altar“ des Renaissancemalers Heinrich Füllmaurer. Der dreiflügelige Altar mit der Darstellung von 157 biblischen Szenen – darüber stehen Verse aus der Luther-Bibel in Sprechblasen-ähnlichen Textfeldern – kam nach der Schlacht von Nördlingen 1634 aus Stuttgart nach Wien, eine „Beute“ des verheerenden Dreißigjährigen Krieges.

Die wichtigsten Ausstellungen im Überblick:

500 Jahre Reformation – Evangelisch-lutherischer Glaube in Wien
Bis 31. Oktober Bezirksmuseum Wien Innere Stadt

„Ein Christenherz auf Rosen geht …“
Bis 12.11.2017 Burgenländisches Landesmuseum Eisenstadt

500 Jahre Reformation in Villach
Bis 31.10.2017 Museum der Stadt Villach

Freyheit durch Bildung
Bis 5.11.2017 Schallaburg

Das evangelische Jahrhundert in Steyr 1525-1625
Bis 5.11.2017 Stadtmuseum Steyr

„Ein Hammerschlag …“
Bis 7.1.2018 Universalmuseum Joanneum Graz

„Hier stehe ich …“
Bis 31.10.2017 Vorarlberger Landesmuseum Bregenz

„Luther! 95 Schätze – 95 Menschen“
Bis 5.11.2017 Augusteum Lutherstadt Wittenberg

Wien-Marathon 1985

Wann ist ein Marathon ein Marathon?

Wann ist ein Marathon ein Marathon?

LAUFENDE ERMITTLUNGEN Bestleistungen auf der „klassischen“ Laufstrecke sind eine Frage exakter Distanzmessung und anderer Kriterien. DR. HEINER BOBERSKI

„Ich bin heuer den Wien-Marathon gelaufen.“ Das sagen zwar viele, aber korrekt ist die Aussage nur, wenn man die Distanz von 42,195 Kilometern bewältigt und nicht nur an einem der etlichen anderen Bewerbe teilgenommen hat. Ein echter Marathon führt nun einmal über diese Streckenlänge.
Das liegt aber nicht daran, dass jener legendäre Bote, der im Jahr 490 vor Christus von Marathon nach Athen gelaufen sein soll, diese Distanz zurückgelegt hat. Dieser Mann lief höchstwahrscheinlich eine um gute acht Kilometer kürzere Route über das Pentelikon-Gebirge, zumal jene – deutlich flachere – 40-Kilometer-Strecke, die 1896 der erste Marathon-Olympiasieger Spiridon Louis bewältigte, in der Antike stark versumpft war.
Wie wahrscheinlich die meisten Marathonläufer wissen, gehen die 42,195 Kilometer auf die Olympischen Spiele 1908 in London zurück, wo auf Wunsch der Royals der Start vor dem Schloss Windsor und das Ziel vor der Hofloge im White City Stadion liegen musste. Der dramatische Rennverlauf – der Italiener Dorando Pietri überquerte als Erster die Ziellinie, allerdings mit fremder Hilfe, weshalb er disqualifiziert und der Amerikaner John Hayes Olympiasieger wurde – führte zu einigen Revancheläufen über die exakt gleiche Streckenlänge, die dann 1921 vom Internationalen Leichtathletikverband IAAF zur offiziellen Marathondistanz erklärt wurde.
Da die Marathonstrecken in aller Welt aber sehr verschieden sind und häufig auch ungenau vermessen wurden, hat die IAAF lange Zeit nur Weltbestzeiten anerkannt, als ersten offiziellen Weltrekord erst Paul Tergats 2003 in Berlin gelaufene 2:04:55. Damit eine Marathonstrecke rekordtauglich ist, muss sie von der Association of International Marathons and Distance Rates, kurz AIMS genannt, vermessen worden sein und ganz bestimmten Kriterien entsprechen. Es dürfen auch keine einander abwechselnden Schrittmacher eingesetzt werden, deshalb hatten die 2:00:25 von Eliud Kipchoge, die er am 6. Mai 2017 auf dem Formel-1-Kurs von Monza lief, keine Chance auf Anerkennung, es bleibt vorläufig beim 2014 von Dennis Kimetto in Berlin aufgestellten Weltrekord von 2:02:57.
Der Kärntner Rainer Soos, der seit 20 Jahren für AIMS tätig ist, erläutert auf seiner Website, wie er mit dem „Jones Counter“, einem kleinen, am Vorderrad eines Fahrrads montierten Instrument, Strecken auf der Ideallinie vermisst. Um jeden Fehler auszuschließen wird ein Promille – 42 Meter – mehr gemessen, eine AIMS-vermessene Strecke ist somit eigentlich 42,237 Kilometer lang. Außerdem dürfen Start und Ziel auf Luftlinie nicht mehr als die halbe Marathondistanz von einander entfernt sein, also maximal etwa 21 Kilometer, der Start darf nicht mehr als ein Promille der Streckenlänge höher liegen als das Ziel, also höchstens 42 Meter. Das soll verhindern, dass Wind oder Gefälle für Rekordzeiten ausgenützt werden können, und darum werden zum Beispiel Leistungen beim Boston-Marathon nicht von der IAAF anerkannt.
Wird auf einer AIMS-Strecke ein Weltrekord erzielt, so muss sie, sagt Rainer Soos, von einem zweiten AIMS-Vermesser nachgemessen werden. Wird auf einer Nicht-AIMS-Strecke ein Rekord gelaufen, gilt er sicher nicht, auch nicht nach einer Nachmessung. Das war dann nur „ein netter 42-Kilometer-Lauf“, zitiert Soos den AIMS-Generalsekretär Hugh Jones, einen ehemaligen Marathonchampion.
Was lernen wir daraus? Wenn Sie einen Marathon in einer anerkennbaren Zeit bewältigen wollen, halten Sie sich an die IAAF-Regeln und an eine AIMS-Strecke! Laufen Sie ja nicht nur von Marathon nach Athen!

Jürgen Mallow

Lauftipps von einer Trainerlegende

Mit Steigerungsläufen zum lockeren Schritt

Trainerlegende Jürgen Mallow über einfache Tipps, um die Laufleistung zu verbessern, und über die afrikanische Übermacht im Laufsport.

Von Heiner Boberski

Er kann knapp und präzise analysieren und formulieren, das mag eine norddeutsche Eigenschaft sein – er liebt aber auch Österreich, sonst würde er seinen Ruhestand nicht im niederösterreichischen Gablitz verbringen. Zu seinem 70. Geburtstag am 5. Dezember 2014 lobte ihn der deutsche Journalist Harald Koken als „entscheidenden Wegbereiter“ für Erfolgsbilanzen der deutschen Leichtathletik mit den Worten: „Seine Qualitäten als Berater von Extraklasse-Athleten sind unbestritten.“
Die Rede ist von Jürgen Mallow, der als Vereins-, Landes und Bundestrainer, zuletzt auch bis 2009 als Sportdirektor des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), jahrzehntelang zum hohen Niveau im deutschen Langstreckenlauf beitrug. Sein erfolgreichster Schützling war Patriz Ilg, 1982 Europameister und 1983 in Helsinki erster Weltmeister im 3000-Meter-Hindernislauf. Kaum einer hat so genau wie Mallow die Entwicklungen im Laufsport verfolgt und versteht es so gut, seine Erfahrungen weiterzugeben. Von seinen Tipps können nicht nur Spitzenathleten, zuletzt in Österreich die 400-Meter-Hürden-Läufer Thomas Kain und Dominik Hufnagl, sondern auch Hobbyläufer profitieren.
Im Gespräch mit „Laufsport-Marathon“ erzählt Mallow, dass seine Geburt 1944 in Wustrow in Mecklenburg-Vorpommern, einem Teil der Gemeinde Lanz, im gleichen Standesamt verzeichnet wurde wie 1778 jene von Friedrich Ludwig Jahn, dem berühmten deutschen „Turnvater“. Jürgen wuchs in Hamburg auf und bekam durch Zufall einen Klassenlehrer, der ihn für die Leichtathletik begeisterte. Er lief selbst gerne Mittelstrecken, holte auch Medaillen in Teambewerben, schlug aber bald die Trainerlaufbahn ein. Schon mit 15 Jahren trainierte er eine Schülergruppe und musste damals zu Trainingslagern immer einen Vater mitnehmen, weil er selbst noch nicht die Verantwortung für die Aufsicht tragen durfte. Das Studium der Theaterwissenschaft führte ihn kurz nach Wien, vor allem aber nach München, wo er dann dem Organisationskomitee für die Olympischen Sommerspiele 1972 angehörte. Anfang der 1980er Jahre war er als Cheftrainer beim LAC Quelle Fürth und DLV-Trainer für den Hindernislauf schon ein bekannter und erfolgreicher Betreuer.

Umfang muss variabel gestaltet sein

Jürgen Mallow betont, dass die Qualität des Trainings viel entscheidender ist als die Quantität, und er begründet dies auch: „Wir haben mehr trainiert als die Generation davor, aber deutlich weniger als heute trainiert wird. Die Hindernisläufer liefen allerhöchstens zwei Drittel von den heute gelaufenen Umfängen, im Jahresschnitt nie mehr als 100 Kilometer pro Woche, die Marathonläufer selten mehr als 140 Kilometer, während heute regelmäßig 200 Kilometer trainiert werden.“ Es sei zu hinterfragen, ob diese Steigerung der Umfänge wirklich zielführend sei: „Wir hatten damals allein in Bayern mehr Marathonläufer, die 2:20 Stunden oder darunter laufen konnten, als heute in ganz Deutschland. Man wird heute in Deutschland über 3000 Meter Hindernis mit einer Zeit Meister, die in den 1980er Jahren gerade noch für die Finalqualifikation gereicht hätte.“
Alle, die Marathon unter 2:20 Stunden laufen konnten, hatten gemeinsam, dass sie sich im Crosslauf bewährt hatten und auf der Bahn Bestzeiten unter 15 Minuten für die 5000 Meter oder unter 3:50 Minuten über 1500 Meter aufwiesen: „Die sind auf der Bahn immer schneller geworden und haben dann auf die Langstrecken gewechselt. Die Schnelligkeit haben sie dadurch erworben, dass sie lauftechnisch immer besser wurden. Wir haben, um die Technik zu entwickeln, kein Sprinttraining gemacht – das führt meist dazu, dass man nicht mehr locker läuft –, sondern immer wieder Steigerungsläufe über etwa 80 bis 100 Meter auf dem Rasen, um einen guten, lockeren Schritt zu entwickeln. Viele Steigerungsläufe zu laufen, aber nie bis zur Höchstgeschwindigkeit, das ist ein Tipp, den man auch einem Hobbyläufer geben kann.“
„Das gemischte Training, die Anwendung zahlreicher unterschiedlicher Trainingsformen“, führe zum Erfolg, sagt Mallow. Im Hochleistungssport könne und müsse man noch viel mehr differenzieren als im Hobbysport. Zum Unterschied von früher werde heute mehr und besser Krafttraining betrieben. So lautet ein weiterer Tipp von ihm: „Wenn ich eine der Einheiten, die ich sonst laufe, nicht weglasse, aber ersetze durch ein kombiniertes Training mit vielen Steigerungen und viel Gymnastik und Athletik, so tue ich meinem Körper sicher etwas Gutes – und der Leistung wahrscheinlich auch.“ Er warnt auch vor zu viel Ehrgeiz: „Man muss nicht 365 Tage im Jahr laufen und sich dabei ständig quälen – aber man soll konsequent trainieren.“
Mallow erinnert daran, dass jede Generation neue Trainingsmethoden entwickelt habe. Die Skandinavier waren die ersten, die auch im Winter – auf Langlaufskiern – trainierten, was der Deutsche Rudolf Harbig, der 1939 vier Weltrekorde aufstellte, noch nicht praktizierte. Für Mallow ist damit bewiesen: „Man kann als Hochbegabter auch mit nur sieben Monaten Lauftraining auf einer Aschenbahn die 800 Meter in 1:46 laufen.“ Harbigs Trainer Woldemar Gerschler entwickelte das Intervalltraining, das später der Tscheche Emil Zatopek intensiv betrieb. Hinter der Laufdominanz bestimmter Nationen – etwa der Finnen um Paavo Nurmi in den 1920er Jahren oder der Briten um Sebastian Coe zu Beginn der 1980er Jahre – standen für Mallow aber nicht nur besondere individuelle Begabungen, sondern auch die jeweiligen Trainingsmethoden. Doping hat seiner Meinung nach damals im Mittel- und Langstreckenlauf keine große Rolle gespielt, wohl aber im Sprint oder in den Wurfdisziplinen. In diesem Zusammenhang streut Jürgen Mallow auch einem österreichischen Trainerkollegen, der Klasseläufer wie Dietmar Millonig, Robert Nemeth und Wolfgang Konrad trainierte, Rosen: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Hubert Millonig jemanden trainiert hat oder trainiert, der überhaupt an Doping denkt.“
Für nicht ratsam hält es Mallow, wenn gute Mittelstreckenläufer zu rasch auf lange Distanzen wechseln. Er denkt dabei an Klaus-Peter Nabein, unter seinen Fittichen 1979 Junioren-Europameister über 800 Meter, der nach einem Trainerwechsel nur ein guter Langstrecken-Allrounder wurde – bis zu einer Marathonzeit von 2:15 Stunden –, sich aber trotz seines großen Talents auf keiner Distanz in der Weltklasse etablieren konnte. Ein anderer Typ war Konrad Dobler, der absolut langsamste Läufer, den Mallow je in seinem Kader hatte: „Der konnte die 100 Meter als Jugendlicher nicht unter 15 Sekunden laufen und wäre normalerweise aus allen Förderungen geflogen, brachte es aber schließlich zum sechsten Platz bei einer Marathon-WM.“
Für Jürgen Mallow gilt nach wie vor: „Wer heute Leistungssportler werden will, der muss laufen wollen und nicht daran denken, ob ihn irgendwann irgendwer fördert. Wenn ihn keiner fördert und er nicht aufgibt, kann er trotzdem erfolgreich werden.“ Natürlich sei heute der Weg an die absolute Weltspitze sehr schwierig. Die derzeitige Dominanz der Afrikaner habe viele Gründe, zum Teil vielleicht Klima und Körperbau, vor allem aber die Aussicht auf sozialen Aufstieg und die langen Schulwege: „Ein Afrikaner hat meist mit 12 Jahren schon mehr Kilometer in den Beinen als ein Europäer mit 18.“ Es sei verständlich, wenn junge Europäer, die bei großen Rennen auf den ersten zehn bis zwölf Rängen nur Afrikaner erleben, sich nicht mehr auf eine Laufkarriere einlassen, aber das sei falsch: „Ich glaube, dass es nach wie vor möglich ist, dass auch weiße Europäer oder Amerikaner gewinnen können.“

Spitzenleistungen ohne Doping möglich

Doping sei natürlich ein ernstes Thema: „Je mehr Geld ein Sieger gewinnen kann, umso größer ist die Verführung zu dopen – erstens, weil er Geld verdienen kann, und zweitens, weil er es sich leisten kann, mit dem Geld das Doping zu verschleiern. Ich beharre darauf: Man kann ohne Doping Spitzenleistungen erbringen, aber man muss davon ausgehen, dass ein Großteil von denen, die in den Ranglisten oben aufscheinen, gedopt ist.“
Laufen sei zwar in den Industrieländern heute eine Massenbewegung, aber das habe wenig mit dem Leistungssport zu tun, wo nur eine Handvoll Läufer um die Meistertitel auf der Bahn kämpfen, oft mit mäßigeren Zeiten als vor 30 Jahren. Aber, so Mallow, es könne nicht nur das fast unerreichbare Ziel eines Olympiasieges Motivation für die Leichtathletik sein, es sei ja „auch schon etwas, Landes- oder Staatsmeister zu werden“. Da es beim Sport nicht nur um den Sieg, sondern auch um Fitness und Freude an der Bewegung sowie vor allem um die Persönlichkeitsentwicklung gehe, lautet Jürgen Mallows Appell: „Ich würde jedem Jugendlichen empfehlen, Leistungssport zu machen, auch Leichtathletik, wenn es ihm Spaß macht.“