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Vater und Tochter Stadlober

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Kennen Sie Anna und Lara Gandler? Ist Ihnen Lea Marie Sumann ein Begriff? Haben Sie schon von Sami und Soli Mesotitsch gehört? Oder von Witta Walcher?
Sie alle sind Kinder berühmter österreichischer Langläufer und Biathleten, die sich nun anschicken, in den nächsten Jahren in die Fußstapfen ihrer Eltern zu treten.
In Biathlon-Nachwuchsrennen heimsten die Töchter des bekannten Langläufers Markus Gandler, Anna (Jahrgang 2001) und Lara (2003), schon einige Erfolge ein. Anna gewann in der vorigen Saison den Biathlon-Alpencup in ihrer Altersklasse, Soli Mesotitsch (2001), die Tochter des Kärntner Biathleten Daniel Mesotitsch, landete als zweitbeste Österreicherin auf dem vierten Platz in diesem international stark besetzten Jugendwettbewerb.
Der steirische Biathlet Christoph Sumann hat nach seiner erfolgreichen Weltcup-Karriere zur Nachwuchsförderung den „Sumi-Cup“ ins Leben gerufen, der Bewerbe im reinen Langlauf und im Biathlon umfasst. Zuletzt dominierten dabei Lea Marie Sumann bei den Mädchen und Sami Mesotitsch bei den Buben (beide Jahrgang 2004).
Die Ramsauerin Witta Walcher (2002), die seit dem Sommer 2018 ein Elite-Skigymnasium in Lillehammer, der norwegischen Olympiastadt von 1994, besucht, gilt als das größte heimische Langlauftalent. Ihre Eltern, Achim Walcher und Maria Theurl, bisher Österreichs einzige Langlauf-Medaillengewinnerin, gehörten beide zur heimischen Loipen-Elite.
In dieser Elite angekommen sind Luis und vor allem Teresa Stadlober, die Kinder des Loipenstars Alois Stadlober und der Slalom-Weltcupsiegerin Roswitha Steiner. Ein anderes Sportlerkind, der Salzburger Simon Eder, hat im Biathlon bereits mehr Medaillen gesammelt als sein ebenfalls sehr erfolgreicher Vater Alfred Eder.
Erfolgreiche Sportlerfamilien kommen natürlich nicht nur im Langlauf oder Biathlon vor. Man denke nur an den alpinen Doppelolympiasieger Matthias Mayer, dessen Vater Helmut bei Olympia 1988 eine Silbermedaille gewann, oder an Julia und Lena Millonig, die Töchter von Österreichs Lauflegende Dietmar Millonig.
Dass im Sport häufig die gleichen Namen auftauchen, kann kein Zufall sein. Offenbar gelingt es vielen Elitesportlern, denen ihr Sport trotz jahrelangen harten Trainings – keiner wird sagen, dass Spitzensport zu 100 Prozent Vergnügen ist – weiter Freude macht, ihren Enthusiasmus auf ihre Kinder zu übertragen. Nachhaltig funktioniert das aber meist nur, wenn nicht mit Druck, sondern mit richtiger Motivation und klug dosiertem Training gearbeitet wird. Am wichtigsten ist ja, und das gilt auch für Familien von Nicht-Spitzensportlern, dass der Nachwuchs Sport als sinnvolle Tätigkeit für das ganze spätere Leben entdeckt, unabhängig vom Leistungsniveau.
Übermäßiger Ehrgeiz von Eltern wirkt nicht nur abstoßend – man erinnere sich an Bilder von Kinderläufen, wo Kinder zur Ziellinie geschubst oder gezogen wurden –, er ist auch meist kontraproduktiv. Ob wirklich eine anhaltende Sportbegeisterung geweckt wurde, zeigt sich spätestens zwischen dem 16. und 20. Lebensjahr. Dann lassen sich die Jungen von den Alten nicht mehr viel sagen und merken selbst, wie groß ihr sportliches Talent wirklich ist und wie viel sie – wenn etliche andere Freizeitbeschäftigungen locken – trainieren müssen, um Spitzenleistungen zu erbringen.
Kinder prominenter Sportler haben es dabei nicht leichter. Man misst sie allzu oft an den Leistungen ihrer Eltern. Sie müssen leider auch aushalten, dass Ressentiments, die mitunter gegenüber ihrem Vater oder ihrer Mutter bestehen, auf sie übertragen werden. Wenn sie trotzdem im Sport ihren Mann oder ihre Frau stellen und vielleicht sogar in die Elite vorstoßen, darf man getrost den Hut vor ihnen ziehen.

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Exzellenzen im Dilemma

Das Jahr 2018 steht im Zeichen zahlreicher Gedenkveranstaltungen zu historischen Themen. Von „Jubiläen“ kann man nicht gerade sprechen. Denn mit Jubel haben die jeweiligen Ereignisse – der 1618 ausgebrochene Dreißigjährige Krieg, das Revolutionsjahr 1848, die mit dem Ende eines schrecklichen Krieges einhergehende Ausrufung der Republik 1918, der „Anschluss“ an Hitler-Deutschland 1938, die Revolten von 1968 – nur zum Teil zu tun.
Beim Symposium „Katholische Kirche zwischen 1918 und 1938“ am 5. Oktober im Festsaal des Wiener Erzbischöflichen Palais stand eine möglichst korrekte Darstellung historischer Fakten im Vordergrund, kein Verurteilen damaliger Akteure vom hohen Ross jener, denen die „Gnade der späten Geburt“ zuteil wurde.
Das Symposium, veranstaltet von mehreren katholischen Institutionen und vom Zukunftsfonds der Republik Österreich, erinnerte vor allem an den 80. Jahrestag des von katholischen Jugendgruppen gestalteten Rosenkranzfestes vom 7. Oktober 1938 im Wiener Stephansdom. Der Untertitel „Christus ist euer Führer“ stammte aus der damaligen Predigt von Kardinal Theodor Innitzer, die eine regimekritische Kundgebung auf dem Stephansplatz und bei den Nationalsozialisten solche Wut auslöste, dass am nächsten Tag Angehörige der Hitler-Jugend das Erzbischöfliche Palais stürmten und verwüsteten. Der Domkurat Johannes Krawarik wurde aus dem Fenster geworfen – eine Parallele zum Prager Fenstersturz von 1618 – und schwer verletzt. Die Oktober-Ereignisse 1938 beendeten die „Appeasement“-Phase zwischen dem NS-Regime und der katholischen Kirche, deren Bischöfe im März 1938 noch mit einer „Feierlichen Erklärung“ den Anschluss an Hitler-Deutschland empfohlen und gute Miene zum bösen Spiel gemacht hatten.
Das Dilemma, in dem sich Bischöfe befinden, wenn sie sich auf neue staatliche Machthaber einstellen müssen, gab es auch im Jahr 1918. Jahrhundertelang hatte in den österreichischen Landen das „Bündnis von Thron und Altar“ bestanden. Bestrebungen in Richtung Demokratie oder Republik – was bekanntlich nicht identisch ist – wurden in der Regel mit dem Hinweis auf das „Gottesgnadentum“ des Monarchen zurückgewiesen.
Wie lange sich Österreichs Bischöfe – die zu einem großen Teil der Kaiser selbst für ihr Amt nominiert hatte –, aber auch die führenden Köpfe der Christlichsozialen gegen einen Wechsel von der Monarchie zur Republik sträubten, beleuchteten auf dem Symposium die Historiker Helmut Wohnout und Michaela Sohn-Kronthaler. Aus Sorge, es könnte sonst zu einer Spaltung der Gesellschaft kommen, lenkte der Episkopat mit dem Wiener Kardinal Friedrich Gustav Piffl an der Spitze schließlich ein. So wurden, wie Wohnout ausführte, viele der bis dahin mehrheitlich monarchistisch eingestellten Katholiken „Vernunftrepublikaner, nicht Herzensrepublikaner“. Prälat Ignaz Seipel, der spätere Bundeskanzler, schrieb zu diesem Schwenk, den manche auch heftig kritisierten, Mitte November 1918 in der „Reichspost“ vier programmatische Artikel. Aufgefordert dazu hatte ihn deren Chefredakteur Friedrich Funder, der spätere Gründer der „Furche“.
Michaela Sohn-Kronthaler sieht im Reagieren der Hierarchie auf politische Gegebenheiten meist „Pragmatismus“, 1918, als die Bischöfe auch das vorher strikt abgelehnte Frauenwahlrecht akzeptierten, ebenso wie dann 1938.
Natürlich ging das Symposium ausgiebig auf das „Heil Hitler!“ ein, das Kardinal Innitzer im Frühjahr 1938 handschriftlich einem Schreiben an Adolf Hitler hinzufügte. Auf Papst Pius XI., der Innitzer sofort empört nach Rom zitierte, wirkte dieser „wie eine Taube in den Krallen des Falken“, sagte der Wiener Kirchenhistoriker Rupert Klieber. Welche verdienstvolle Rolle Innitzer später spielte, klang im Referat von Christine Mann, der früheren Schulamtsleiterin der Erzdiözese Wien, über Überlebensstrategien unter dem NS-Regime an. Die Historikerin Annemarie Fenzl stellte, ihren langjährigen Chef, Kardinal Franz König, zitierend, entscheidende Fragen: „Wie hätte ich damals gehandelt? Wie handle ich heute?“
Die ORF-Journalistin Eva Maria Kaiser, Autorin des Buches „Hitlers Jünger und Gottes Hirten“ (siehe Furche Nr. 40/4.10.2018, Seite 15) brachte ihr profundes Wissen über den Umgang der Bischöfe mit NS-Opfern und NS-Tätern nach 1945 ein.
Der ehemalige Wiener Stadtschulratspräsident Kurt Scholz bedauerte den „Reduktionismus“, dem Innitzer wegen seines „Heil Hitler!“ zum Opfer falle. „Menschen bestehen nicht aus Einzelereignissen, sondern aus einer Lebensleistung“, betonte Scholz und rief zugleich das Verhalten des Sozialdemokraten Karl Renner in Erinnerung. Auch Renner begrüßte den „Anschluss“ und freute sich noch im Dezember 1938 in einer Broschüre darüber, dass das Problem der sudetendeutschen Gebiete nach dem dortigen deutschen Einmarsch gelöst sei. Ein Exemplar dieser Broschüre überließ der SPÖ-Politiker und spätere Bundespräsident Adolf Schärf in einem verschlossenen Kuvert dem Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam – mit dem Vermerk, es nicht vor 1970 zu öffnen.
Es geht weniger darum, die Pragmatiker zu kritisieren, sondern mehr darum, die Standhaftigkeit anderer mehr als bisher zu würdigen. Rupert Klieber erinnerte an ein Flugblatt von Laienbrüdern zur „Anschluss“-Volksabstimmung im Frühjahr 1938, in dem jene, die mit „Ja“ abstimmten, unter anderem so angesprochen wurden: „Du sagst Ja … weil du nur solange Christus treu bleiben willst, solange deine ruhige Existenz gesichert ist … damit du mit unserm ,heißgeliebten’ Führer, der so oft sein im Konkordat feierlich gegebenes Wort gebrochen hat, in alle Ewigkeit beisammen sein kannst – aber wo? … denn dir ist die Stimme des Blutes wertvoller als die Stimme des unsterblichen Gewissens, die Stimme Gottes!“
Die Kirche hat die Unterordnung unter das jeweilige staatliche System oft mit den ersten Sätzen des 13. Kapitels im Römerbrief des Apostels Paulus begründet: „Jeder soll sich den bestehenden staatlichen Gewalten unterordnen. Denn es gibt keine Autorität, die nicht von Gott kommt. Jede staatliche Autorität ist von Gott eingesetzt. Wer sich also den Behörden widersetzt, handelt gegen die von Gott eingesetzte Ordnung und wird dafür von ihm bestraft werden.“
Dass ein an Christus orientiertes Leben durchaus zum Konflikt mit der Staatsmacht führen kann, steht freilich auch in der Bibel, etwa im 13. Kapitel des Markus-Evangeliums: „Ihr aber, macht euch darauf gefasst: Man wird euch um meinetwillen vor die Gerichte bringen, in den Synagogen misshandeln und vor Statthalter und Könige stellen, damit ihr vor ihnen Zeugnis ablegt.“ Einer, der sich so verhielt, der Oberösterreicher Franz Jägerstätter, wurde zum Märtyrer und selig gesprochen. Dass ihn manche noch heute als „Verräter“ betrachten, zeigt, dass offenbar nicht alle das Gleiche aus der Geschichte lernen können oder wollen.