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Sesselrücken im Vatikan

Schweizergardist im Vatikan

Sesselrücken im Vatikan

Personalveränderungen und Skandale in Rom vor dem Hintergrund des Kampfes zwischen Reformern und Konservativen.

Von Heiner Boberski

Was im Vatikan geschieht, findet meist dann große Beachtung auf der internationalen Medienbühne, wenn es um Personalveränderungen in den obersten Etagen oder um Skandale geht. Für beides war in jüngster Zeit gesorgt, in den Hauptrollen der dramatischen Ereignisse agierten neben Papst Franziskus zwei hochrangige Kardinäle, die man als die „Nummer drei“ und „Nummer vier“ im Vatikan sehen kann, an Bedeutung nur vom Pontifex selbst und dessen Regierungschef, Kardinal-Staatssekretär Pietro Parolin, übertroffen.
Über dem Finanzchef der Kirchenzentrale, dem australischen Kardinal George Pell, brauten sich schon seit geraumer Zeit dunkle Wolken zusammen. Der nun 76-jährige Kirchenmann, der 2003 als Erzbischof von Sydney – zuvor war er Erzbischof von Melbourne – Kardinal wurde, sieht sich seit Jahren mit dem Vorwurf konfrontiert, in seiner Heimat Fälle von sexuellem Missbrauch vertuscht, ja womöglich sogar selbst begangen zu haben. Pell, seit 2014 Präfekt des damals neu gegründeten Vatikan-Wirtschaftsrates, ist der erste Kurienkardinal, gegen den aus solchen Gründen ein polizeiliches Ermittlungsverfahren läuft. Am 18. Juli soll er deshalb vor dem Amtsgericht in Melbourne erscheinen. Der Papst hat Pell, der alle Anschuldigungen zurückweist, beurlaubt, um ihm Gelegenheit zu geben, sich vor der australischen Justiz zu rechtfertigen.
Wer sich vor Augen hält, wie sehr dereinst die Causa Groer die katholische Kirche Österreichs belastet hat, kann ermessen, welche Wellen der Fall Pell in Australien schlägt. Ein Buch der Journalistin Louise Milligan mit dem Titel „Cardinal: The Rise and Fall of George Pell“ wurde vom Verlag aus dem Verkauf genommen, denn im Falle eines Prozesses könnte das Buch das Verfahren beeinflussen.
Angeblich legen mehrere Kläger dem Kardinal lange zurückliegende sexuelle Übergriffe zur Last. Schon 2002 hat sich eine Untersuchungskommission der Erzdiözese Melbourne mit einem Missbrauchsvorwurf gegen Pell befasst, den Erzbischof aber mangels an Beweisen freigesprochen. Auch viele von jenen, die George Pell nicht selbst in der Täterrolle sehen, werfen ihm vor, dass er im Umgang mit pädophilen Priestern versagt und zu wenig für die Opfer getan habe. Der Kardinal hat auch wegen seiner Positionen als konservativer Hardliner viele Kritiker. Papst Franziskus hat ihn 2013 trotzdem als Vertreter Australiens in jenen Kardinalsrat berufen, der die Kurie reformieren soll. Dem Pontifex aus Argentinien kommt es aber jetzt vielleicht durchaus gelegen, wenn Pell das Feld räumt, weniger wird ihm gefallen, dass damit ein großer Imageschaden für die ganze Kirche verbunden ist. Der Vatikan halte seine offizielle Null-Toleranz-Strategie gegenüber Missbrauchstätern nicht ein, lauten schon seit einiger Zeit Vorwürfe, etwa vom italienischen Journalisten Emiliano Fittipaldi – unter Nennung des Namens Pell. Zwar wurde jüngst Mauro Inzoli, ein verurteilter Kinderschänder, endgültig aus dem Priesterstand entlassen, doch im März 2017 war mit entsprechendem Medienecho das letzte verbliebene Missbrauchsoper der 2014 von Franziskus ins Leben gerufenen päpstlichen Kinderschutzkommission zurückgetreten, die Irin Marie Collins. Sie hatte ihren Schritt mit der mangelnden Kooperationsbereitschaft der vatikanischen Behörden, insbesondere der Kongregation für die Glaubenslehre, begründet.
Dass Papst Franziskus jüngst den Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Müller, abberief, überraschte nicht, widersprach aber bisherigen Usancen. Zwar ist Müllers Amtszeit abgelaufen, doch ein erst 69-jähriger Kardinal erhält normalerweise eine Verlängerung oder sofort ein neues ehrenvolles Amt. Der Papst habe beschlossen, ab sofort nur noch Amtszeiten von fünf Jahren zuzulassen, erklärte Müller der Mainzer „Allgemeinen Zeitung“. Er sei eben der Erste gewesen, bei dem das umgesetzt wurde. Er habe ein gutes Verhältnis zum Papst, betonte der ehemalige Bischof von Regensburg, kritisierte aber dessen Vorgangsweise. Die Abberufung sei ihm am letzten Tag „innerhalb einer Minute“ mitgeteilt worden. „Diesen Stil kann ich nicht akzeptieren“, erklärte der deutsche Kardinal, auch für den Umgang mit Mitarbeitern in Rom müsse die Soziallehre der Kirche gelten.
Unübersehbar war freilich, dass Müller mit dem Papst, vor allem mit dessen Schreiben „Amoris laetitia“, nicht auf einer Linie lag, wenn er sich auch von jenen vier Kardinälen distanzierte, die mit einem offenen Brief in direkte Opposition zu Franziskus traten: Carlo Caffara, Raymond Burke, Walter Brandmüller und der jüngst verstorbene Joachim Meisner. Er habe noch kurz vor dessen Tod mit Meisner telefoniert, sagte Müller, diesen habe Müllers Abberufung von der Spitze der Glaubenskongregation „persönlich bewegt und verletzt“. Sendungsbewusst bot sich Müller nun als Moderator für ein Gespräch zwischen dem Papst und den drei noch lebenden kritischen Kardinälen an: „Ich habe als Kardinal weiterhin die Verantwortung, für die Einheit der Kirche zu sorgen und Polarisierungen so weit wie möglich zu verhindern.“
War Müller ein Vertrauensmann des emeritierten Papstes Benedikt XVI., so gilt sein 73-jähriger Nachfolger als Präfekt, Luis Francisco Ladaria Ferrer, manchen als „rechte Hand“ von Papst Franziskus, wiewohl er 2008 von Benedikt in sein bisheriges Amt als Sekretär der Glaubenskongregation geholt worden ist. Ladaria hat den Ruf eines „gemäßigten Konservativen“, kommt wie Franziskus aus dem Jesuitenorden, lehrte an der Päpstlichen Universität Gregoriana Dogmatik und spricht gut Deutsch, da er unter anderem an der Jesuitenhochschule Sankt Georgen in Frankfurt studierte. Er leitet die von Franziskus 2016 eingerichtete Kommission zum Frauendiakonat, eines der Reformprojekte des Papstes, der sichtlich neue Möglichkeiten zur Aufwertung von Frauen in der kirchlichen Hierarchie sucht. Anfang Juli hat Franziskus die Italienerin Flaminia Giovanelli zur Untersekretärin der neuen für Migration, Menschenrechte, Umwelt und Armutsbekämpfung zuständigen Behörde ernannt. In solche Positionen rücken Frauen im Vatikan nur sehr selten vor.
Aufwerten möchte der Papst offensichtlich auch geographische Randgebiete der Kirche. So hat er jüngst nur einen Inhaber eines traditionellen „Kardinalssitzes“ zum Kardinal ernannt, nämlich Juan Jose Omella, den Erzbischof von Barcelona, daneben aber vier Überraschungskandidaten: Gregorio Rosa Chavez aus San Salvador, den Weggefährten des ermordeten Erzbischofs Oscar Romero, Anders Arborelius aus Stockholm, Louis-Marie Ling Mangkhanekhoun aus Laos und Jean Zerbo, den Erzbischof von Bamako in Mali.
Nicht gerade amüsiert dürfte der Papst erfahren haben, dass Zerbo als Finanzreferent seiner Bischofskonferenz an der Verschiebung von Millionenbeträgen auf Schweizer Privatkonten beteiligt gewesen soll. Und die Meldung, die Polizei habe eine Schwulen-Drogen-Orgie in der Wohnung des Sekretärs von Kardinal Francesco Coccopalmerio, dem Leiter des Päpstlichen Rates für Gesetzestexte, gestürmt, wirft kein gutes Licht auf die Zustände im Vatikan nach vier Jahren Bergoglio-Pontifikat. Mit diesen Zuständen und mit den in Opposition zu seinen Reformplänen stehenden Kräften innerhalb und außerhalb der römischen Kurie wird der Papst aus Argentinien noch viel zu ringen haben.
Manche spekulieren allerdings schon mit einem Rücktritt des seit März 2013 amtierenden Franziskus. Darauf könnten sein Hinweis auf eine Begrenzung von Amtszeiten auf fünf Jahre und die Ernennung von nur fünf – durchwegs noch zur Papstwahl berechtigten – Kardinälen hindeuten, denn meist wird gewartet, bis eine größere Anzahl zur Ernennung fällig ist. Benedikt XVI. hat kurz vor seinem Rücktritt auch nur sechs Kardinäle ernannt. Andere halten ein Abtreten von Franziskus, solange Benedikt lebt, für ausgeschlossen, zwei emeritierte Päpste seien undenkbar. So oder so bleibt die Frage, wie nachhaltig der 80-Jährige in der restlichen Zeit seines Pontifikates die Weichen in die kirchliche Zukunft in seinem Sinn zu stellen vermag.

Kategorie: Allgemein, Feature, Texte

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Dr. Heiner Boberski

geb. 1950, Studium der Theaterwissenschaft und Anglistik in Wien; 1978–2001 Redakteur der Wochenzeitung "Die Furche", ab 1995 deren Chefredakteur; derzeit Journalist bei der "Wiener Zeitung"; Autor mehrerer Sachbücher, vorwiegend zu Fragen der Religion. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

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