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Gott und die Welt in Resonanz

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Gott und die Welt in Resonanz

Das wahre Spannungsfeld der menschlichen Existenz als Thema beim 20. „Philosophicum Lech“

Von Heiner Boberski

„Über Gott und die Welt“ zu reden, das klingt nach Beliebigkeit, nach einem Gespräch über alles und nichts – mit wenig Gedankenarbeit und ohne besonderen Tiefgang. Wenn allerdings dieses Thema mit dem Untertitel „Philosophieren in unruhiger Zeit“ an die 700 Menschen, darunter ein gutes Dutzend renommierter Referenten, in einem Bergdorf zusammenführt, muss es um mehr gehen. Wie Tagungsleiter Konrad Paul Liessmann, Philosoph an der Universität Wien, in seinem Eröffnungsvortrag ausführte, geht es nicht nur um eine Floskel, sondern um „die präziseste Formel dafür, was wirklich das Spannungsfeld der menschlichen Existenz ausmacht: die Dualität zwischen Immanenz und Transzendenz, Profanität und Heiligkeit, Wirklichkeit und Imaginärem, letztlich: Vernunft und Glaube“.
Diese Thematik passt in eine alpine Region, in der Himmel und Erde einander besonders nahe scheinen. Lech in Vorarlberg in Österreich hat große Skisportler hervorgebracht und beherbergt, vor allem im Winter, prominente Gäste – einer davon, ein niederländischer Prinz, der unter eine Lawine kam, nahm ein tragisches Ende. Seit hier 1997 das erste „Philosophicum Lech“ stattfand, präsentiert sich der Ort alljährlich in der zweiten Septemberhälfte als Zentrum der Geisteswissenschaften. Mit einigem Stolz feierte man dieses Jahr das 20. Philosophicum und verwies darauf, dass schon fast jeder deutschsprachige Philosoph oder Geisteswissenschaftler von Rang einmal nach Lech gekommen ist. Dass man dem deutschen Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Rüdiger Safranski, der 1997 den Eröffnungsvortrag über „Das Böse“ gehalten hatte, 2016 das Schlussreferat anvertraute, sollte augenfällig den Bogen über die zwei Jahrzehnte spannen.
Am Ablauf der Veranstaltung, die immer von Donnerstag bis Sonntag dauert, zwölf Referate und dazwischen sowie am Abend viel Zeit zum Diskutieren bietet, hat sich im Lauf der Jahre kaum etwas geändert. Hinzugekommen ist am Mittwoch ein philosophisch-literarischer Vorabend, den Konrad Paul Liessmann und der Philosophicum-Gründer, der Vorarlberger Schriftsteller Michael Köhlmeier, bestreiten. Dabei geht es im Grunde jedes Jahr um „Gott und die Welt“, denn der begnadete Erzähler Köhlmeier schöpft dabei vor allem aus seiner profunden Kenntnis der griechischen Mythologie, aber auch der Bibel. Köhlmeiers Geschichten, in diesem Jahr zum Beispiel zur Entstehung des Dionysos oder über den leidgeplagten Hiob, kommentiert dann Liessmann aus philosophischer Sicht. Wie das vor sich geht, lässt sich nachlesen – pünktlich zum Philosophicum 2016 haben Köhlmeier und Liessmann ihr neues Buch „Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist, Adam?“ (Hanser Verlag) veröffentlicht.
Themen wie „Gott und die Welt“ haben unzählige Facetten. Die einzelnen Referenten in Lech steuern dazu nur Mosaiksteine bei, es bleibt den Besuchern nicht erspart, sich selbst ein Gesamtbild zu machen. Und dieses fällt, je nach Weltanschauung, sicher unterschiedlich aus. Für viele Philosophen und Wissenschaftler, die auf der Linie von Friedrich Nietzsches „Gott ist tot“ liegen, ist die Sicht der Welt als Schöpfung mit Gott als ihrem Schöpfer überholt. Vor allem in den westlichen Industrieländern deklarieren sich immer mehr Menschen als Atheisten oder Agnostiker. In Lech wurde auch die Frage aufgeworfen, ob der Monotheismus, also der Glaube an einen einzigen Gott, tatsächlich einen Fortschritt gegenüber polytheistischen oder pantheistischen Vorstellungen bedeute. Im Grunde sei auch das Christentum mit seiner Dreifaltigkeitslehre vom reinen Monotheismus abgewichen.
Der Gott der Philosophen ist jedenfalls nicht „der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“, also der biblische Gott, der aus Sicht jüdischer, christlicher oder muslimischer Gläubiger nicht nur die Welt geschaffen hat, sondern auch in persönlicher Beziehung zu den Menschen steht. Das Gottesbild der Philosophen umfasst vielmehr ein intelligentes Prinzip, eine Urkraft, die das Uhrwerk Welt einmal in Betrieb gesetzt, aber später nicht mehr in die Entwicklung eingegriffen hat. Insofern bliebe es völlig überflüssig, diesen Gott zu verehren oder auf ihn bestimmte Regeln und Gebote – sei es bezüglich der Kleidung, der Nahrung oder des sittlichen Verhaltens – zurückzuführen.
In der modernen Welt finden sich alle möglichen Formen des Glaubens – an den persönlichen Gott, der einem Halt gibt, dem man aber auch eines Tages Rechenschaft über sein Leben ablegen muss, oder an gottähnliche Kräfte und Energien, die diese Welt prägen und weiterentwickeln, oder an die Nichtexistenz alles Göttlichen in einem auf Zufällen und Selbstorganisation der Materie beruhenden Universum. Wir selbst müssen in uns gehen und uns „fit“ für eine paradiesische digitale Zukunft machen, verkünden die Jünger des Silicon Valley.
In Lech wurde natürlich auch die Frage thematisiert, ob vor allem die Intoleranz der Religionen die Welt in gewaltsame Konflikte stürzt. Werden, wie der katholische Vorarlberger Ortsbischof Benno Elbs in einer Diskussion sagte, Religionen nicht oft instrumentalisiert, wenn gravierende soziale und ökonomische Probleme auftreten? Nähren nicht auch Machtpolitik und bestimmte Interessen – etwa jene der Waffenindustrie – sowie mit dem Klimawandel, der Umweltverschmutzung und Rohstoffknappheit verbundene Entwicklungen den Ausbruch und das Anhalten von Kriegen?
In einem der unserer „unruhigen Zeit“ gewidmeten Referate von Lech machte der Kasseler Soziologe
Der eloquente Konrad Paul Liessmann, der heuer auch die Eröffnungsrede der Salzburger Festspiele halten durfte, sieht mit dem Thema „Gott und die Welt“ eine „Wirklichkeitskonzeption auf den Punkt gebracht, die eine fundamentale Bipolarität, eine grundsätzliche Zweideutigkeit, eine unhintergehbare Differenz zu ihrer Voraussetzung erklärt“. Für Liessmann, aber sicher nicht nur für ihn, stellt sich die Frage: „Was geschieht, wenn diese Sphären sich wechselseitig aufsaugen? Der Gottesstaat, wie ihn radikale Strömungen im Islam verkünden, hat die Idee, dass das Immanente vom Transzendenten aufgesaugt werden soll, dass es keine Differenz gibt zwischen Gott und Welt, sondern Gott beherrscht diese Welt. Die moderne säkularisierte Lebenswelt saugt ebenfalls diese Differenz auf, aber in die andere Richtung. Da gibt es keine Transzendenz, keinen Gott mehr, der außerhalb dieser Welt gedacht werden kann, Gott wird zur bestenfalls kulturhistorisch interessanten Chiffre für soziale Fragen.“
Von keinem Gottesstaat, sondern von einem Gott der Barmherzigkeit und Freiheit sprach Mouhanad Khorchide. Der islamische Theologe aus Münster, der vielen konservativen Muslimen zu liberal ist, belegte seine „offene Theologie“ mit zahlreichen Koran-Zitaten und beklagte, dass junge Muslime der dritten Generation ohne jede Kenntnis des Korans sich zur Identitätsfindung fragwürdigen islamistischen Gruppierungen anschließen. Mit seinem Appell zum Dialog lag Khorchide auf einer ähnlichen Linie wie Carlos Fraenkel, Philosoph an der Universität Montreal, der „Vom Nutzen der Philosophie in einer zerrissenen Welt“ sprach, und wie der Jenaer Sozialwissenschaftler Hartmut Rosa, der für sein Buch „Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung“ den seit 2009 beim Lecher Philosophicum vergebenen, mit 25.000 Euro dotierten Essay-Preis „Tractatus“ erhielt.
In seiner Dankrede forderte Rosa „ein anderes Weltverhältnis“, das nicht auf Weltbeherrschung, Verfügbarmachen und Vergrößerung der Reichweite gerichtet sein sollte. „Jemanden anderen zu hören, sich davon berühren und bewegen zu lassen und dann eine Antwort darauf zu geben, das ist eine andere Art des In-Beziehung-Tretens, zur Arbeit, zur Natur, zu den anderen Menschen. Das versuche ich mit dem Begriff Resonanz.“ Die Präkarisierung von Welt verdichtet sich nach Rosas Ansicht in der Flüchtlingsdebatte: Man wolle das Andere nicht hören, sondern aussperren, und man sage: „Dann müssten wir ja werden, wie die, die da zu uns kommen.“ Doch das sei nicht die von ihm gemeinte Resonanz, sondern ein wirkliches Antworten und in Dialog treten: „Kinder können das, Kinder machen das, und in der Bibel steht: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht ins Himmelreich eingehen.“
Dass wir in unserer spezialisierten Wissensgesellschaft ohne Glauben gar nicht leben können, machte Rüdiger Safranski in seinem Schlussvortrag deutlich: „Je mehr Wissen, desto mehr Glauben an das Wissen der anderen.“ Auch wenn die Attraktivität von einst „heißen“ Religionen erkaltet sei, werde der Wille zum Glauben wachsen. Die Frage nach der Existenz Gottes bleibe offen, sagte Safranski mit dem Hinweis auf eine Szene in dem berühmten Antonioni-Film „Blow up“, in der mit einem niemals sichtbaren Ball Tennis gespielt wird: „Über den Ball lässt sich ebenso wenig sagen wie über Gott. Aber das Spiel ist da, und seine Dynamik verwandelt die Zuschauer, auch uns, in Mitspieler. Das heißt: Fangt an zu spielen, dann werdet ihr merken, wie wirklich der Ball ist. Wenn ihr vorher wissen wollt, ob der Ball da ist, dann werdet ihr nie anfangen. Dann wird es niemals ein Spiel geben.“

Veröffentlicht im Luxemburger Wort vom 20. Oktober 2016.

Kategorie: Allgemein, Ereignisse, Feature

von

Dr. Heiner Boberski

geb. 1950, Studium der Theaterwissenschaft und Anglistik in Wien; 1978–2001 Redakteur der Wochenzeitung "Die Furche", ab 1995 deren Chefredakteur; derzeit Journalist bei der "Wiener Zeitung"; Autor mehrerer Sachbücher, vorwiegend zu Fragen der Religion. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

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