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Franz Joseph, der „ewige Kaiser“

Franz Joseph

Österreichs „ewiger Kaiser“

Ausstellung in der Wiener Nationalbibliothek zum 100. Todestag von Franz Joseph I.

Von Heiner Boberski

In Österreich reiht sich derzeit Gedenkjahr an Gedenkjahr. Zahlreiche Veranstaltungen erinnerten 2014 an den Ausbruch des Ersten Weltkrieges 100 Jahre zuvor. Dann thematisierte man den vor 200 Jahren abgehaltenen Wiener Kongress (1814/15), der nicht nur tanzte, wie ihm nachgesagt wird, sondern die Neuordnung Europas nach Napoleon herbeiführte. Die Wiener Universität beging 2015 ihr 650-Jahr-Jubiläum, Herzog Rudolf IV. aus dem Haus Habsburg hatte sie 1365 gegründet, um seinem Schwiegervater Karl IV. aus dem Haus Luxemburg nachzueifern, der 1348 die Prager Universität ins Leben gerufen hatte.

Das Jahr 2016 steht nun im Zeichen von Kaiser Franz Joseph I., dessen Todestag sich am 21. November zum 100. Mal jähren wird. Der Reigen der Veranstaltungen zu diesem Anlass, die natürlich auch das Schloss Schönbrunn einbeziehen werden, hat am 11. März im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien begonnen. Die dort bis zum 27. November geöffnete Ausstellung „Der ewige Kaiser – Franz Joseph I. 1830-1916“ zeichnet ein umfassendes Bild dieses Monarchen und seiner Zeit.

Dass Franz Joseph als „ewiger Kaiser“ dargestellt wird, hat mehrere Gründe. Er regierte am längsten von allen österreichischen Monarchen, nämlich 68 Jahre. Erst mit 86 Jahren starb er nachts im Schloss Schönbrunn, nachdem er am Abend davor noch geschrieben hatte, man möge ihn um 4 Uhr wecken, er sei mit seiner Arbeit nicht fertig geworden. Generationen von Österreichern hatten keinen anderen Kaiser erlebt, in der gesamten Donaumonarchie war sein Bild allgegenwärtig. „Wie kein anderer Herrscher verkörperte Franz Joseph die Welt des alten Europa und Altösterreichs“, schreibt Hans Petschar, Historiker und Kurator der Ausstellung, im lesenswerten Katalog zu dieser Schau. Wenn heute in Österreich von der Monarchie gesprochen wird, hat jeder unwillkürlich Franz Joseph vor Augen.

Die Nationalbibliothek zeigt eine repräsentative Auswahl aus ihren reichen Beständen, die mehr als 10.000 Fotografien, Grafiken, Bücher, Zeitschriften und Lebensdokumente Franz Josephs umfassen. Laut Generaldirektorin Johanna Rachinger wurden 90 Prozent der Ausstellungsobjekte seit dem Ende der Monarchie 1918 nicht öffentlich gezeigt, ein Teil überhaupt noch nie. Der Weg in den Prunksaal führt zunächst entlang einer zehn Meter langen Bildwand mit 86 Porträts aus 86 Lebensjahren, darunter sind die wichtigsten Stationen aus dem politischen Leben des Monarchen zu sehen. Auf einem Bildschirm gegenüber altert das Kaiserbild vom Babyalter bis zum Greis binnen weniger Sekunden um ein Jahr.

Für Franz Joseph, am 18. August 1830 in Schönbrunn geboren, begann schon im Kleinkindalter ein genau geplantes, einer jahrhundertelangen Tradition folgendes Erziehungsprogramm, das den erstgeborenen Sohn von Erzherzog Franz Karl und Prinzessin Sophie Friederike von Bayern auf seine künftige Stellung vorbereiten sollte. Vielsagend ist ein Bild, das den jungen Franz Joseph beim privaten Religionsunterricht zeigt. Neben dem Religionslehrer sind auch noch seine Mutter Sophie und seine beiden Erzieher anwesend. Die Schulhefte von Franz Joseph, der sein Leben lang ein religiöser Mensch blieb, sind erhalten, auch Zeichnungen, die eine gewisse Begabung auf diesem Gebiet verraten. Je älter der junge Erzherzog wurde, umso mehr Einfluss nahm Staatskanzler Klemens Wenzel Lothar von Metternich auf seine Ausbildung.

Noch ehe seine Ausbildung in einigen Fächern – Kriegsgeschichte, Strategie und vergleichende Heeresorganisation – abgeschlossen war, kam Franz Joseph am 2. Dezember 1848 auf den Kaiserthron. Sein Onkel Ferdinand hatte am Ende des Revolutionsjahres abgedankt, die Ausstellung zeigt die Urkunde und die Feder, mit der Ferdinand sie unterschrieben hatte. Der junge Kaiser wählte den Wahlspruch „Viribus unitis“ (Mit vereinten Kräften). Unter diesem Titel wurde ihm zum 50-Jahr-Jubiläum 1898 ein Prachtband gewidmet, in dem der Verleger Max Herzig von Franz Joseph vor allem zeigen sollte, „wie er aller Orten Sympathien erweckt, wie sein liebevolles und überaus leutseliges Wesen auf den ersten Blick für ihn einnimmt“. Den Zeichnern hatte Franz Joseph gestattet, in allen Schlössern, bei den Manövern und bei der Jagd „die minutiösesten Naturstudien“ von ihm anzufertigen – die 400 eigens angefertigten Illustrationen festigten ein Kaiserbild, das alle Schattenseiten ausblendete, zum Beispiel die verschwiegene, nicht dem offiziellen Image entsprechende Beziehung zur Schauspielerin Katharina Schratt.

Aus dem Nachlass von Katharina Schratt sind mehr als 900 Briefe von Franz Joseph an sie erhalten. Einem davon war ein Stück purpurner Stoff aus der alten Kaiserloge des Hofburgtheaters beigelegt, den der Kaiser am 12. Oktober 1888 nach der letzten Vorstellung dort eigenhändig aus dem Wandbezug herausgeschnitten hatte. Einige dieser Briefe und das Stoffstück sind in der Ausstellung zu sehen. Ebenfalls gezeigt werden Briefe Franz Josephs an seine Mutter. Erstmals öffentlich ausgestellt sind Schreiben, deren Entdeckung im Archiv einer Wiener Privatbank im Jahr 2015 in Österreich als Sensation galt: Abschiedsbriefe der jungen Baroness Mary Vetsera. Sie ging bekanntlich im Jänner 1889 im Jagdschloss Mayerling bei Wien gemeinsam mit Kronprinz Rudolf in den Tod.

In der Ausstellung klingen natürlich die Tragödien im Privatleben des Kaisers an, von dessen Familienleben nur ein einziges echtes Foto des Hoffotografen Angerer aus dem Jahr 1860 existiert – alle anderen sind Collagen, um ein intaktes Bild der Kaiserfamilie zu vermitteln. Sein Bruder Maximilian ging als Kaiser nach Mexiko und wurde dort 1867 erschoss. Sein einziger Sohn Rudolf beging Selbstmord. Seine Ehefrau Elisabeth, die er Sisi nannte (nicht Sissy wie in der wenig historischen Filmserie mit Romy Schneider aus den 1950er Jahren), fiel 1898 in Genf einem Attentat zum Opfer. Mit den bekannten Worten „Mir bleibt doch gar nichts erspart auf dieser Welt!“ soll er auf diese Nachricht reagiert haben. Die Kaiserin hatte zuvor schon viele Jahre ein sehr eigenständiges Leben geführt und sich selten bei Hof gezeigt. Wenn es zur Repräsentation erforderlich war, begab sich dort Franz Josephs Schwägerin Maria Theresia von Braganza an die Seite des Kaisers. Die Ausstellung zeigt auch etliches Material aus dem Nachlass dieser ersten Hofdame, darunter ein sehr gelungenes Foto von Franz Joseph, als er in Zivil (in der Regel trug er Uniform) den Bahnhofsvorplatz von Cannes – er reiste gerne und liebte diesen Ort besonders – betritt.

Franz Joseph war von seiner Kindheit bis zu seinem Tod eine öffentliche Persönlichkeit, die mit dem Aufstieg der Fotografie zum Medienstar wurde. Vor allem im Zuge seiner 50-Jahr- und 60-Jahr-Regierungsjubiläen 1898 und 1908 und zu seinem 80. Geburtstag 1910 entstand eine Unmenge an Bildern, die durch die illustrierte Presse, aber auch durch das neue Medium der Bildpostkarten weit verbreitet wurden. Mit diesen Bildern wurde Propaganda betrieben, die bis heute in einer Art Habsburg-Mythos fortlebt. Sein Markenzeichen war der Backenbart. Ein für ihn besonders typisches Foto, das auch das Plakat zur Ausstellung ziert, ist 1910 bei der Enthüllung des Kaiser-Denkmals in Bad Ischl, eines Jagdstandbildes des begeisterten Waidmannes, entstanden.

Unter Franz Joseph vollzog sich der Übergang seines Reiches zu einer konstitutionellen Monarchie mit zwei Reichshälften – der österreichischen und der ungarischen. 1907 wurde das allgemeine Wahlrecht – aber nur für Männer – erlassen. Dieser Kaiser fühlte sich als „deutscher Fürst“ und litt besonders unter der Niederlage gegen Preußen bei Königgrätz am 3. Juli 1866, die heuer 150 Jahre zurückliegt. Militärisch war Österreich unter seiner Regierung nicht sehr erfolgreich. Nach den tödlichen Schüssen auf den Thronfolger Franz Ferdinand im Juni 1914 befand sich Franz Joseph unter starkem Druck der Kriegstreiber. Letztlich trägt er durch seine Unterschrift unter die Kriegserklärung an Serbien die Verantwortung für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Mit Empörung, wie die Ausstellung zeigt, musste Franz Joseph noch den für den Ausgang dieses Krieges nicht unwesentlichen Seitenwechsel Italiens erleben.

Die Ausstellung ruft auch in Erinnerung, dass die Donaumonarchie ein Modell für einen Vielvölkerstaat darstellte – der freilich von vielen auch als „Völkerkerker“ empfunden wurde und letztlich an den nationalistischen Bestrebungen in den einzelnen Teilen scheiterte. Was unter Franz Joseph noch mühsam zusammengehalten wurde, brach unter seinem Nachfolger Karl im Zuge der militärischen Niederlage im Ersten Weltkrieg rasch auseinander.

Ausstellung „Der ewige Kaiser – Franz Joseph I. 1830-1916“, Österreichische Nationalbibliothek, Wien, bis 27. November 2016.

Veröffentlicht in: Die Warte/Perspectives – das Feuilleton im „Luxemburger Wort“ (17.3.2016)

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