Bilder, Feature
Schreibe einen Kommentar

Nachruf auf Robert Nemeth

Foto: Boberski

Rekorde für ein anderes Jahrtausend

Robert Nemeth ist tot. Er ist in den 1980er Jahren Zeiten gelaufen, die hierzulande bis heute niemand unterbieten konnte.

Von HEINER BOBERSKI

Er ging auf eigenen Wunsch in aller Stille. Erst Anfang Jänner wurde bekannt, dass Robert Nemeth am 15. Dezember 2015 in Mauerbach bei Wien im 58. Lebensjahr einem langen schweren Leiden erlegen war. Spontan organisierten seine Laufkollegen – Nemeth bildete ja in den 1980er Jahren mit Dietmar Millonig und Wolfgang Konrad das legendäre, für Weltklassezeiten gute „Läufertrio“ – einen Trauergottesdienst am 14. Jänner in Schwechat-Rannersdorf. Dort erwies die ganze „Leichtathletikfamilie“ – von der einstigen Weltrekordhochspringerin Ilona Gusenbauer bis zum langjährigen „Olympiakaplan“ Bernhard Maier – dem Rekordläufer die letzte Ehre.
Robert Nemeth war nicht nur „der Lange“, wie ihn seine Freunde nannten, sondern ein echter „Großer“ der Laufszene. 2002, als er sich beruflich in der Medienbranche etabliert hatte, führte ich mit ihm ein längeres Gespräch. Er erzählte mir, wie viel ihm seine Familie bedeutete und wie gerne er humorvolle Literatur, etwa von Peter Ustinov, las. Als ich meine persönliche Erinnerung daran erwähnte, wie er 1984 beim Melker Osterlauf aus dem Training heraus einen Super-Streckenrekord aufgestellt und das halbe Feld inklusive mir überrundet hatte, schien ihm diese Lebensphase schon weit weg: „Mir kommt manchmal vor, dass ich das alles nur geträumt habe.”
Geboren wurde Robert Nemeth am 5. Juni 1958 in Hofors in Schweden, erst mit acht Jahren kam er nach Österreich, in die Heimat seiner Eltern. Als Lauftalent entpuppte er sich beim Schwechater Fitlauf am 26. Oktober 1973, auf Anhieb wurde er auf der 8-km-Schleife hinter seinem späteren Trainer Hubert Millonig Zweiter. Robert, dessen Karriere von einer Pollenallergie beeinträchtigt war, konzentrierte sich auf die Mittelstrecken. Sein Vorbild wurde der neuseeländische 1500-Meter-Olympiasieger von Montreal 1976, John Walker, der als erster die Meile unter 3:50 Minuten lief.
International war der 4. Platz über 1500 m bei der EM 1982 in Athen der größte Erfolg in Nemeths Karriere. Ein weiterer 4. Platz – 1983 bei der Hallen-EM über 3000 m – war mit viel Pech verbunden: Mehr als die Hälfte des Rennens musste er mit einem Schuh laufen. Große Siege feierte Robert Nemeth, der 28 heimische Staatsmeistertitel eroberte, unter anderem beim Berliner ISTAF und beim Züricher Letzigrund-Meeting, wo er 1981 über 1500 m den großen Said Aouita schlug.

Meilenrekord hält seit 1981

Wie grandios Nemeths Leistungen auf den Distanzen von 800 bis 10.000 Metern waren, zeigt die „ewige” österreichische Bestenliste. Alle seine Rekorde hielten bis zum Jahr 2000 oder darüber hinaus, einzelne bis heute, nämlich die 3:52,42 über die Meile, gelaufen im September 1981 in Rieti als Dritter hinter den Lauflegenden Sidney Maree und Steve Ovett, oder die 4:59,56 über die selten gelaufenen 2000 m (Klagenfurt, 1984) oder die 1500 m-Hallenbestmarke von 3:38,50 (Wien, 1985).
Robert Nemeth hatte eine raue Schale, aber ein großes Herz. 2001 organisierte er auf der Wiener Mariahilfer Straße die „Special Olympics Meile“ und gewann dafür internationale – wie seine ehemaligen Konkurrenten Thomas Wessinghage und Eamonn Coghlan – sowie nationale Sportprominenz als Begleitläufer für Behindertensportler.

 Er wird als Läufer und Mensch unvergesslich bleiben.

Kategorie: Bilder, Feature

von

Dr. Heiner Boberski

geb. 1950, Studium der Theaterwissenschaft und Anglistik in Wien; 1978–2001 Redakteur der Wochenzeitung "Die Furche", ab 1995 deren Chefredakteur; derzeit Journalist bei der "Wiener Zeitung"; Autor mehrerer Sachbücher, vorwiegend zu Fragen der Religion. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *